Mobility muss sich in die IT-Architektur integrieren - is report

Mobility muss sich in die IT-Architektur integrieren

Mobile Lösungen erfordern in der IT eine Anpassung von Architektur, Strategie, Organisation und Betriebskonzept. Der kurze Lebenszyklus der Applikationen birgt die Chance, Fehler schnell zu revidieren. (Ausgabe 8+9/2013)

Früher setzten sich IT- Evolutionen zunächst in Unternehmen durch und schwappten dann in den Verbrauchermarkt. Mit den Smart­phones änderte sich dies. Plötzlich brachten Angestellte ihre privaten Geräten in die Betriebe mit und übertrugen den Anspruch der leichtgewichtigen Everytime-Everywhere-Nutzung von Apps auf Business-Anwendungen. Die erste Nutzung konzentrierte sich auf E-Mail und Kalender. Bald kamen weitere Anwendungen hinzu. Mal heimlich über Mitarbeiter, die den Speiseplan der Kantine auf dem Smartphone verfügbar machten, mal über die Praktikumsarbeit eines Informatikstudenten oder auch über die Fachabteilungen, die sich unbemerkt von der IT-Abteilung Services einkauften. Seitdem bestimmt nicht mehr nur die IT-Abteilung über die Taktfrequenz der DV-Entwicklung.
Hinzu kommt, dass die IT-Mündigkeit stark zugenommen hat. Die Anwender fordern bei der Software-Entwicklung Augenhöhe ein. Usability, Ease of Use oder Self-Service IT sind hier die Schlagworte. Diese durch Mobile – hier immer als kollektiver englischer Begriff verwendet – verschobenen Rahmenbedingungen bedeuten eine Anpassung der IT sowohl in der Architektur, in der Strategie, in der Organisation, bei den Betriebsprozessen als auch im Projektvorgehen.

Zeiterfassung, Maschinendaten bis hin zu Business Intelligence
Mobile hat die Kraft, Abläufe in Unternehmen zu verbessern beziehungsweise neue Prozesse und Geschäftsmodelle möglich zu machen. Im Consumer-Bereich sind Apps weit verbreitet. Versandhäuser ermöglichen Kunden Bestellungen über Mobilgeräte und profitieren so von Spontankäufen. Onlinebanking ist längst vom Smartphone aus möglich. Logistikunternehmen bieten die Möglichkeit, den Transport einer Lieferung zu verfolgen und den Empfangsort kurzfristig zu ändern. Auch im Veranstaltungsmanagement sind Mobile-Apps beliebt. Kaum eine Messe ohne Mobile-App zur Orientierung. In Museen und Zoos rufen Besucher mittels Barcode internationalisierte Informationen zu den einzelnen Exponaten oder Tieren ab. Im öffentlichen Nah- und Fernverkehr holen die Kunden Fahrplaninformationen ein oder erwerben Tickets.
Auch in Unternehmen bestehen viele Einsatzmöglichkeiten für Mobile Applikationen. So erleichtert Mobile Business Intelligence (BI) den Zugang zu entscheidungsrelevanten Informationen. Entscheidungen können im Büro, zu Hause oder im Flugzeug basierend auf aktuellen Zahlen und Informationen getroffen werden. So verkürzen sich Entwicklungs- und Anpassungsprozesse. Außendienst und Wartung profitieren von einer besseren Steuerung. Mit Hilfe geobasierter Kundendaten erkennen Servicetechniker unterwegs, wo sie welche Störungen in welcher Priorität beheben.
Über Zeiterfassungssysteme buchen Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten. Travel-Management-Apps ermöglichen es, Reisen zu buchen und Belege vorzuerfassen. Apps für Rechnungs-, Berechtigungs- und Urlaubsfreigaben unterstützen ein gesichertes Dokumentenmanagement, das von einfachen Belegen bis zu komplexen CAD-Zeichnungen reicht. Auch die Maschinendatenerfassung, die bisher meist in proprietären und geschlossenen Systemen läuft, lässt sich auf Smartphones und Tablets übertragen. Nachbestellungen im Handel sowie Zählerstände im Energiewesen lassen sich mobil übertragen.

Priorisierung entdeckt Bereiche mit Erfolgschancen
Die Identifizierung der richtigen Anwendungsfälle für Mobile-Lösungen stellt einen wichtigen Baustein für den Projekterfolg dar. In einem ersten Schritt können dabei die folgenden Fragen helfen:

  • Welche Geschäftsprozesse sind Unterbrechungen und Beeinträchtigungen unterworfen? Häufig finden die Arbeitsschritte nicht gleichzeitig vor Ort, sondern im Nachhinein statt oder es erfolgt abschließend ein Medienübertrag. Beispiele hierfür sind Dokumentationsarbeiten bei der Reparaturannahme von Autos, bei Kunden- oder Lieferantenterminen.
  • Weisen die Akteure interne und externe Mobilität auf? Vertrieb und Außendienst sind mobil, Management und IT hingegen eher intern im Haus und in den Niederlassungen unterwegs. Oft fehlen Informationen oder die Möglichkeit, den nächsten Prozessschritt anzustoßen. Laptops machen die Arbeitskraft zwar mobil, aber sie leiden bei kürzeren Prozessschritten unter Einschränkungen hinsichtlich Größe, Gewicht und Startzeiten.
  • Wie ist die Einstellung dieser Gruppe gegenüber technischen Neuerungen? Zu berücksichtigen ist hier nicht nur die Affinität zu mobilen Endgeräten, sondern auch die kommunikative Nähe zur IT sowie eine Toleranz für die Probleme neuer Systeme.
  • Welche Verbesserungen können IT-gestützte Systeme generell erbringen? Nötig zur Klärung sind entsprechende Daten. Fragen hinsichtlich Datensicherheit und Datenschutz können deren Verfügbarkeit beeinträchtigen.

In der Liste möglicher Mobilisierungsfälle sind oft Analyse-/Entscheidungsunterstützung (Business Intelligence) und Aufgabenverwaltung (Task Management) auf den ersten Rängen zu finden. Betrachtet man Ersteres unter dem Aspekt der zuvor gestellten Fragen, führen mangelnde Informationen häufig zu Unterbrechungen oder zu fehlerhaftem Fortsetzen von Prozessen. Vertrieb, Außendienst und Management sind auf Informationen angewiesen, um ihre Aufgaben effizient zu erledigen. Controlling und Buchhaltung arbeiten zwar ebenfalls informationsorientiert, aber häufig ortsgebunden. Sie benötigen deshalb selten eine Mobile-Lösung. Eine positive Einstellung gegenüber mobiler Technologie ist in IT, Management und Vertrieb meist vorhanden, da die mobilen Geräte einen Spieltrieb ansprechen. Diese Gruppen besitzen privat oft schon ein entsprechendes Endgerät. Eine Prozessverbesserung durch passende Informationen entsteht bei der Analyse und Entscheidungsunterstützung sicher. Wie allgemein bei BI-Systemen lässt sich diese allerdings nicht vorab monetär bewerten.
Auch für die Aufgabenverwaltung lassen sich die oben gestellten Fragen schnell beantworten. Oft stellen Task-Management-Systeme rudimentäre Mobile-Fähigkeiten bereit, vor allem dann, wenn sie Aufgaben verwalten, die einen hohen Grad an Mobilität voraussetzen. Das betrifft vor allem den Außendienst, angefangen bei Vertriebsmitarbeitern bis hin zu Installateuren oder Handwerkern. Charakteristisch für diese Geschäftsanwendungen ist ihre relativ geringe Komplexität. Eine Aufgabe wird erfasst, bearbeitet und als erledigt gemeldet.
Für das Task Management existiert oft bereits eine eigenständige Applikation. Dies kann ein Desktop-Programm oder eine webbasierte Lösung sein. Das Erfassen der Aufgaben erfolgt dann entweder über die Anwendung oder in einem Browser. Der Bearbeiter erhält eine Mail oder SMS. Während sowie nach der Bearbeitung der Aufgabe kommt es oft zu Medienbrüchen. Vor Ort fehlen wichtige Informationen, die nicht in der E-Mail oder SMS enthalten waren. Der Mitarbeiter kann nach der Bearbeitung nicht direkt den Status an das System übermitteln, sondern muss dafür zu seinem Arbeitsplatz zurückkehren.
Aufbauend auf dieser Ausgangslage wird das bestehende System um eine Mobile-Komponente ergänzt, die den Mitarbeiter direkt in die Prozesse einbindet. Er kann durch das System weitere Informationen einholen, die für die Bearbeitung des Problems von Bedeutung sind. Die Dokumentation kann direkt vor Ort erfolgen. Gegebenenfalls werden auch Folgeschritte ausgelöst, zum Beispiel Reparaturaufträge bei beschädigten Wärmezählern.

Mobile wird zum Teilaspekt der IT-Strategie
Ein weiterer Baustein der Mobilisierung von IT-Systemen ist die Anpassung der IT-Strategie. Mobile ist vollständig in die bestehenden Teilstrategien zu integrieren. Der Grund hierfür liegt darin, dass mobile Endgeräte ein weiteres Aus- und Eingabemedium für bestehende IT-gestützte Prozesse darstellen. Fragen zum Beispiel nach Betriebssystem und Lost Devices tangieren die Infrastruktur-/Device- und die IT-Sicherheitsstrategie. Direkte Auswirkungen bestehen auch auf die Support- und Betriebsstrategie, hierbei insbesondere mit den Herausforderungen, Smartphones/Tablets und deren Anwender im Feld zu unterstützen und eine ständige Verfügbarkeit sicherzustellen.
Auch vermeintlich fernere IT-Teilstrategien sind betroffen. Mobile-Business-Projekte umgehen sorgsam aufgebaute Integrations- und SOA-Strategien (Service-orientierte Architektur) und können so langfristig die Stabilität und Wartungsarmut bestehender Service- und Schnittstellen gefährden. Aufgrund der Mündigkeit der Anwender und der veränderten Ansprüche ergeben sich Einflüsse auf die Projektmanagement- und Softwareentwicklungsstrategie. Die Anwender fordern Partizipation und forcieren agile Entwicklungsvorhaben sowie Self-Services. Das stellt einen Hebel dar, um Entwicklungseffizienz und direkte IT-Betriebskosten zu beeinflussen.

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Nicht nur bei Consumer, sondern auch im Business-Umfeld bietet Mobility vielfältige Perspektiven. Quelle: Opitz Consulting

Sichere Zugriffe und konsistente Daten sind unerlässlich
Die technische Infrastruktur stellt ein wichtiges Element der Mobilisierung dar. Noch vor der Auswahl eines entsprechenden Produkts und einer Technologie ist eine Analyse der wichtigsten Rahmenbedingungen nötig. Da die Datenverarbeitung nicht mehr ausschließlich im Unternehmensnetzwerk stattfindet, kommt der Sicherheit eine hohe Relevanz zu.
Ist eine Offline-Fähigkeit der mobilen Lösung gewünscht, muss geklärt werden, welche Daten auf dem Gerät gespeichert werden können und wie bei einem Geräteverlust der Zugriff darauf verhindert werden kann. Ein weiterer sicherheitsrelevanter Teilaspekt ist die Kommunikation zwischen dem Mobile-Client und dem Server. Oft existieren Vorgaben, diese Kommunikation zu verschlüsseln. Im einfachsten Fall genügt es, die Kommunikation durch das HTTPS-Protokoll abzusichern. Reicht das nicht aus, ist eine VPN-Verbindung (Virtual Private Network) notwendig, dann muss die Firewall entsprechend angepasst werden.
Da die Kommunikation über mobile Datennetze erfolgt, ist die Datenmenge im Auge zu behalten. Trotz neuer Standards wie UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) oder LTE (Long Term Evolution) gilt es, die zu übertragende Datenmenge zu minimieren. Die Folge davon ist eine veränderte Architektur. Lag die Business-Logik früher zu großen Teilen auf dem Server, wandert sie in der Mobile-Anwendung auf den Client. Übermittelt werden nur die Daten, die sich verändert haben. Da diese Daten nicht mehr nur zentral vorhanden sind, kann es beim Synchronisieren zu Inkonsistenzen in den Daten kommen. Einige Hersteller bieten für dieses Problem Lösungsmöglichkeiten an. Ist dies nicht der Fall, muss die Planung berücksichtigen, auf welcher Weise sich Inkonsistenzen aufdecken und beheben lassen.

Standardsoftware, native App, Eigenentwicklung oder HTML 5
Die Entscheidung, ob man die Mobile-Anwendung selbst entwickelt oder aber eine vorhandene Software nutzt, hängt von den individuellen Rahmenbedingungen ab. Handelt es sich bei der mobilen Applikation um die Erweiterung einer bestehenden Standardsoftware, lohnt sich ein Blick auf die Mobile-Unterstützung des Herstellers oder seiner Partner. Viele große Anbieter haben mobile Anwendungen als Trend aufgegriffen und bieten entsprechende Lösungen an. Im Business-Intelligence-Umfeld etwa hat die Verwendung plattformabhängiger und vom Anbieter bereitgestellter Lösungen Vorteile – wenn etwa die Lizenz der BI-Plattform eine Mobile-App-Lizenz beinhaltet:

  • Gängige Reporting-Typen werden unterstützt und nutzen die qualitätsgesicherte semantische Schicht.
  • Die mobilen Reports sind identisch mit den originalen Reports und vermeiden Redundanzen.
  • Der Applikationszyklus ist gekoppelt mit dem Zyklus der BI-Plattform.
  • Alle gängigen Systeme werden unterstützt (iOS, Android, Windows 8).
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Bei der Technologie einer Mobility-Anwendung besteht die Wahl zwischen HTML 5 und einer nativen sowie einer hybriden Applikation. Quelle: Opitz Consulting

Bietet der Softwarelieferant keine Mobile-Applikation oder erfüllt diese nicht die geforderten Kriterien, so ist eine Eigenentwicklung die richtige Wahl. Genauso verhält es sich, wenn die Anwendung einen Prozess unterstützen soll, der bereits auf einer Eigenentwicklung basiert. Hier ergeben sich mehrere Möglichkeiten der Umsetzung:
Sollen vorhandene, webbasierte Lösungen um eine mobile Applikation erweitert werden, empfiehlt sich der hybride Ansatz oder eine HTML-5-Webanwendung. Sind für die Mobile-Lösung die Fähigkeiten des mobilen Endgeräts erforderlich, wie zum Beispiel die Kamera, das Gyroskop oder das GPS, dann ist die Entwicklung einer nativen Applikation die bessere Wahl. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Zielplattform auf einen Hersteller beschränkt werden kann. Soll hingegen ein breites Spektrum an Plattformen unterstützt werden, bietet sich eine hybride Applikation an.

Der Mobility-Lifecycle liegt zwischen zwei und drei Jahren
Noch vor einigen Jahren war die Anzahl der onlinefähigen Devices sehr überschaubar. Mit dem Markteintritt von Apple und Android haben die Anwender die Qual der Wahl. Hierbei ist aber auch zu beachten, welche Verbreitung die einzelnen Versionen der Betriebssysteme auf den Endgeräten haben. Neue Versionen von Android benötigen im Vergleich zu neuen iOS-Versionen sehr lange, bis eine hohe Durchdringung erreicht ist. Die aktuelle Version Jelly Bean ist seit Juli 2012 verfügbar und mit Stand Juni 2013 lediglich auf 38 Prozent der Endgeräte installiert. Im Vergleich dazu ist iOS 6, das seit September 2012 verfügbar ist, bereits auf über 90 Prozent der Endgeräte installiert. Bei der Android-Plattform lässt sich demnach nicht davon ausgehen, dass ein Großteil der Nutzer eine bestimmte Betriebssystem-Version verwendet. Dies erhöht die Komplexität. Sollen die neusten Features der Plattform genutzt werden, wird möglicherweise ein Teil der potenziellen Nutzer ausgeschlossen. Dieses Dilemma existiert auf der iOS-Plattform in dieser Schärfe nicht. Für viele Entwicklungen ist das ein ausschlaggebender Punkt, sich für iOS und gegen Android zu entscheiden.
Auf die Frage der unterstützten Endgeräte sollte nicht zu viel Zeit verwendet werden. Der Lifecycle einer Mobile-Anwendung liegt normalerweise bei zwei bis drei Jahren. Innerhalb dieser Zeit haben sich die Endgeräte so stark weiterentwickelt, dass die Applikation entsprechend angepasst werden muss. Diese hohe Dynamik sollte als Chance und großer Vorteil gesehen werden. Erweist sich die Entscheidung für ein bestimmtes System als falsch, kann nach zwei bis drei Jahren im Rahmen des normalen Versionswechsels eine Neuausrichtung erfolgen.
Aktuell wird der Markt von iOS und Android dominiert, aber die anderen Mitbewerber sollten trotzdem beachtet werden. So bietet beispielsweise das BlackBerry-Ökosystem die komplett verschlüsselte Kommunikation. Im Unternehmensumfeld besitzt Microsoft eine hohe Verbreitung. Ein Großteil der Desktop-Systeme läuft unter MS Windows, Active Directory und MS Office sind weit verbreitet. Schon deshalb sollte auch MS Windows Mobile evaluiert werden.

Der Änderungsdruck auf die IT-Organisation steigt
Unabhängig vom Know-how, das sich IT-Fachleute über mobile Betriebssysteme und Programmiersprachen aneignen müssen, sorgt Mobile für Änderungen an IT-Organisation und -Prozessen. Auslöser sind die mobile Technologie in der Post-PC-Ära, die gestiegene Erwartungshaltung der Anwender (Customization of IT) sowie der Druck durch die Fachbereiche, sich IT über Services indirekt einzukaufen. Betroffen sind hierbei insbesondere die Bereiche Anforderungsmanagement, Software-Entwicklung und Support.
Das Anforderungsmanagement stellt die Kundenschnittstelle dar, die sowohl die Bedürfnisse der Fachbereiche aufnimmt und kanalisiert als auch dem Fachbereich entsprechende Impulse zur Weiterentwicklung gibt. Bei stagnierendem IT-Budget und der klassischen Rolle der IT als Flaschenhals wird die Rolle als Enabler jedoch nur selten wahrgenommen. In jungen Technologien wie Mobile sind die Anforderungen der Fachbereiche fragil und Prioritäten ändern sich häufig. Ergänzend kommt hinzu, dass neue Entwicklungen und kontinuierliche Impulse aus der privaten Nutzung von Smartphones und Tablets die Anforderungen ständig ändern.
Projektvorgehensweisen, die von einem stabilen Anforderungskatalog ausgehen, können so etwas kaum abbilden. Daher muss sich das Anforderungsmanagement in jungen und sich stark verändernden Technologien mit seinen Methoden auf ein agiles Vorgehen einstellen. Die Product Ownership im SCRUM-Entwicklungskonzept sowie User-Storys bieten hierfür gute Möglichkeiten. Auch das Zugeständnis, dass Mobile-Frontends nicht 100 Prozent der Prozessvielfalt abbilden müssen, sondern hier die 80-zu-20-Regel eine gute Richtschnur bildet, hilft dem Anforderungsmanagement.
Die Software-Entwicklung kann durch agile Vorgehensweisen Fehlarbeiten und Komplexität reduzieren. Aber auch sie unterliegt durch Mobile gesonderten Rahmenbedingungen. Die verschiedenen Devices machen entweder eine Entwicklung für eine Vielfalt an Plattformen, Geräteklassen und Bildschirmgrößen notwendig oder fordern Kompromisse bei Funktionalität und Design durch Mobile Development Frameworks. Bring-your-own-Device-Strategien erhöhen diese Komplexität. Häufig anzutreffen sind deshalb Company-owned-personal-enabled-Strategien, die zumindest die Anzahl der Gerätetypen auf ein steuerbares Maß reduzieren und trotzdem dem Bestreben der Anwender nach personalisierter Nutzung und Individualisierung entsprechen.
Vergleicht man dies mit anderen Entwicklungen wie zum Beispiel der Dynamik der betriebssystemunabhängigen Programmiersprache Java, so ist Mobile ein Rückschritt und stellt eine Verwischung von mühsam entwickelten Architekturgrenzen dar, die sich sowohl in der größeren Know-how-Breite der Entwickler als auch in der Verwässerung von bisher klaren IT-Organisationsteilen zeigt. So entstehen interdisziplinäre Teams mit breit aufgestellter Fachkompetenz.
Deutlicher wirkt sich der Anspruch nach eingängigem Design und hoher Usability aus. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren Datenmodell-orientierte Designs und Menüführungen wohl oder übel von der Anwenderschaft akzeptiert. Heute fordern Anwender selbsterklärende Applikationen, Bildschirmführungen und Interaktionen. Die Bereitschaft, an Schulungen teilzunehmen oder Handbücher zu lesen, ist gering. Es entstehen neue Rollen als Usability-Manager. Testgetriebene Entwicklungen etablieren sich und die Software-Entwicklung fokussiert zusehends auf den Akteur und seine natürlichen Fähigkeiten.
Dies macht die Arbeit für den IT-Support nicht einfacher. Dabei sind IT-Support-Prozesse in allen IT-Organisationen stark vom Kostendruck und von der massiven Standardisierung geprägt. Diese Ausrichtung soll durch Mobile nicht gefährdet werden. Andererseits stellt Mobile den Helpdesk vor neue Herausforderungen. Es stellt sich die Frage, wie man ein Tablet supportet, das sich aufgehängt hat. Unklar ist auch, wie man eine Standard-Operating-Procedure entwickelt, wenn Anwender ihre eigenen Geräte mitbringen und vollen Zugriff darauf behalten wollen. Eine weitere Frage ist der Austausch defekter oder veralteter Geräte. Wichtig ist hierbei nicht nur eine passende Softwarelösung, mit der sich solche Anforderungen sicherstellen lassen. Schulungen der Mitarbeiter sind notwendig und auch das Durchsetzen der dazugehörigen Policies. Nur so lässt sich ein geregeltes Zusammenspiel von Unternehmens- mit Anwenderinteressen erreichen.
Begegnet man diesen Veränderungen offen und aktiv, gelingt in den Fachbereichen oft eine positive Vermarktung mobiler Lösungen. Am Ende entsteht dort der Eindruck, dass IT die Rolle als Enabler wahrnimmt und nicht nur ein beständiger Kostenfaktor und Flaschenhals ist.

Bei der App-Entwicklung dominiert das agile Vorgehen
Mit der Entwicklung einer mobilen Anwendung betritt ein Unternehmen Neuland. Die Möglichkeiten der neuen Technologie sind zu Beginn des Projekts weder der Fachabteilung noch der IT vollständig bekannt. Wie dargestellt, begüns­tigt Mobile agile Vorgehensmodelle. Es ist eher schwierig, diese Projekte nach klassischen Vorgehensmodellen wie dem Wasserfallmodell zu realisieren.
Mit der Wahl eines agilen Vorgehens muss die Anwendung nicht von vornherein im Detail durchgeplant sein. Gleichzeitig bedeutet agil aber nicht planlos. Zu Beginn des Projekts muss zumindest ein klares Bild vorhanden sein, welche Ziele mit der mobilen Applikation erreicht werden sollen. Die einzelnen Details können sich dann im Laufe des Projekts entwickeln. Bei den mobilen Endgeräten ändern sich die Rahmenbedingungen sehr schnell. Daher ist es wichtig, so schnell wie möglich in die Implementierung einzusteigen.
Der größte Vorteil eines agilen Vorgehens ist der schnelle Feedback-Zyklus. Ein typischer Sprint erstreckt sich lediglich über wenige Wochen. Nach jedem Sprint besteht die Möglichkeit, die bisherigen Ergebnisse zu überprüfen. Viele Details konkretisieren sich erst während der verschiedenen Iterationen. Diese Einflussmöglichkeiten empfinden Fachabteilungen und Stakeholder als sehr positiv.
Da die Details sich erst im Projektverlauf entwickeln, sind Änderungen am bestehenden Code keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Die agilen Vorgehensmodelle sehen als Lösung zum Beispiel die testgetriebene Entwicklung (TDD) vor. Eine Ausprägung davon ist die Akzeptanztest-getriebene Entwicklung (ATDD). Dabei werden die Akzeptanztests vor der Entwicklung definiert und dienen als Abnahmekriterium am Ende eines Sprints. Viele moderne Test-Frameworks, unter anderem Jasmin für JavaScript, unterstützen ATDD bereits in ihrer Syntax. Somit kann die IT-Abteilung die Akzeptanztests einfach in automatisch ausführbare Tests übersetzen. Diese können dann in einer Continuous-Integration-Umgebung ausgeführt werden und stellen so sicher, dass bereits abgenommene Features nach Änderungen weiterhin wie erwartet funktionieren.
Agile Vorgehensmodelle federn zwar einige Defizite ab, doch hat Mobile noch längst nicht alle Enterprise-Hürden genommen. Die Entwicklung ist weiterhin sehr schnelllebig. Es gilt daher, vermeintliche Kinderkrankheiten zu beseitigen und neue Ideen auf ihre Praxistauglichkeit zu untersuchen.
Wie so oft zu Beginn einer neuen Technologie, ist auch bei Mobile die Toolunterstützung noch nicht sehr ausgereift. Noch vor ein bis zwei Jahren steckte beispielsweise die Unterstützung testgetriebener Entwicklungsansätze im JavaScript-Umfeld noch in den Kinderschuhen. Die Integration in ein Continuous-Integration-System gestaltete sich schwierig. Mittlerweile sind die anfänglichen Probleme gelöst. Die Integration ist so komfortabel geworden, dass es keinen Grund mehr gibt, auf einen Continuous Build zu verzichten.
Ein großes Problem vor allem bei nativen Applikationen ist die Ausführung automatischer Oberflächentests. Für diese Tests muss ein Emulator gestartet werden oder das entsprechende Endgerät mit dem Continous-Integration-System verbunden sein. Der Emulator für iOS-Oberflächentests kann nur auf einem Mac-Betriebssystem gestartet werden, wohingegen der Android-Emulator auch unter Linux und Windows läuft.
Auch wenn die Oberflächentests automatisch ablaufen, sollte die Anwendung von Zeit zu Zeit manuell getestet werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Emulatoren eine große Hilfe sind, sich aber doch unter Umständen anders verhalten als das richtige Endgerät. Große Unterschiede bestehen bei der Performance. Während der Android-Emulator durch seinen generischen Aufbau spürbar langsamer agiert als ein echtes Endgerät, lässt sich beim iOS-Emulator das genaue Gegenteil beobachten.
Ein häufiger Fehler ist es, vorhandene Oberflächen einfach zu adaptieren. Vor allem Apple hat im Bereich Usability sowie Look and Feel neue Maßstäbe gesetzt. Die Benutzer erwarten heutzutage diese leichtgewichtige Bedienung mobiler Anwendungen. Informationen, die geballt auf einem Screen abgebildet werden können, müssen für mobile Endgeräte aufgebrochen werden.

Mobility macht die IT-Abteilung zum Business Enabler
Mobile integriert sich an vielen Stellen in IT. Die Frage nach dem Ob stellt sich hierbei nicht mehr. Eine nachhaltige Etablierung fordert zwar eine ganzheitliche Betrachtung, ermöglicht aber im Einstieg die Schwerpunktsetzung auf wenige erfolgskritische Aspekte.
Mit der Wahl des passenden Anwendungsfalls ist die wichtigste Hürde genommen. Die Sicherheitsfragen sollten zügig, aber ausreichend detailliert geklärt werden, ebenso wie die technischen Rahmenbedingungen. Hierbei hilft die Dynamik von Mobile. Sie ermöglicht es, diese Erfahrungen zu sammeln und Entscheidungen rund um Devices, Plattformen und Anwendungen nach kurzer Zeit auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen. Gepaart mit agilen Vorgehensweisen, die Anwender und IT zügig zusammenbringen, entsteht eine anforderungsgerechte flexible Entwicklung. Einen nachhaltigen Erfolg sichert die Integration in die IT-Strategie, die IT-Organisation und insbesondere in die IT-Supportprozesse. 

Die Autoren

Jochen Wilmsmarco buss

Jochen Wilms (links) ist Spezialist für Mobile Business Development sowie Mobile Business Intelligence bei Opitz Consulting. Marco Buss ist dort Consultant im Bereich Mobile und Java.
Fotos: Opitz Consulting

 

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