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Microsoft hat heute die Verfügbarkeit der neuen Version 2012 der ERP-Suite für den gehobenen Mittelstand Dynamics AX 2012 in Deutschland bekannt gegeben. Christian Hestermann, Research Director bei Gartner, Karsten Sontow, Vorstand bei der Trovarit AG, Frank Naujoks, Director Research & Market Intelligence bei intelligent systems solutions i2s, und Frank Niemann, Director Software Markets bei Pierre Audoin Consultants, geben ihre Einschätzung für Dynamics AX 2012 ab.
Christian Hestermann
"Mit dem neuen Release Dynamics AX 2012 hat Microsoft einen grossen Schritt vorwärts getan, etliche noch existierende Mißstände behoben und ein fast komplett rundererneuertes Produkt geliefert. Was bieten die vielfältigen Änderungen auf mehreren Ebenen?
AX 2012 beinhaltet fast doppelt so viel Funktionalität als die vorletzte Version 4.0. Ein Teil davon stammt aus bewährten Partnerlösungen, die in den Kern beziehgungsweise die Branchenschicht integriert wurden. Die ohnehin schon intuitive Oberfläche, die durchgängig auf „Rollen“ der Benutzer basiert, wurde um zahlreiche Analyse-Funktionen erweitert. Zunehmend setzen größere, etablierte Partner auf Dynamics AX, um ihre Altlösungen auf dieser breiten Basis zu reimplementieren, um Komplettlösungen zum Beipsiel für den öffentlichen Dienst, den Einzelhandel oder auch Rechtsanwaltskanzleien anzubieten. Eine Stärke für manche Fertigungsunternehmen ist die gleichzeitige Verfügbarkeit von kontinuierlicher Fließ-, diskreter Stück- und Kanban-Fertigung.
Die Organisationsstruktur von Unternehmen kann vollständig graphisch modelliert werden, wobei unterschiedliche Hierarchien zum Beispiel. für Wertefluss, Logistik und die Zuordnung von Mitarbeitern existieren, die dann automatisch die richtigen Benutzerrechte für „ihre“ Funktionen und Daten erhalten.
Der gesamte Programmcode wird in der Datenbank verwaltet, was Versionierung, die Verwendung unterschiedlicher Länderversionen, das Verwalten von Partnerlösungen und Anpassungen innerhalb eines Systems erheblich erleichtert, inklusive der Personalisierung des Systems. Im sogenannten Objektbaum werden zum Beispiel nicht mehr komplette Bildschirmmasken, sondern einzelne Felder verwaltet, was das Hinzufügen eigener Felder erheblich erleichtert. Zur besseren Einbindung von Fremdlösungen wurde ein neues sogenanntes Event-System geschaffen, das das Zusammenspiel mit cloud-basierten Lösungen auf Basis von Azure ermöglicht. Damit wurde ein wichtiger Schritt hin zu einem „Cloud-basierten“ ERP-System getan, das allerdings noch bis zum nächsten Release auf sich warten lässt. Gartner schätzt, dass es frühestens 2015 verfügbar sein wird. Durch die Einbeziehung des wichtigen Partner-Umfelds ist damit allerdings eine vom Start weg starke und vor allem erweiterbare Lösung zu erwarten.
Alles in allem kann man feststellen, dass diese grundlegenden Änderungen Dynamics AX zu einem noch stärkeren Produkt machen. Gleichzeitig werden dadurch Umstellungen aber nicht einfacher, weder für Partner, die ihre Zusatzmodule anheben müssen, noch für die Kunden, die beispielsweise die Chance nutzen sollten, früher gemachte Anpassungen durch jetzt verfügbare Standardfunktionalität zu ersetzen. Letztere müssen unter anderem darauf achten, dass ihnen der Umstellungsaufwand für bereits gekaufte Zusatzmodule nicht erneut in Rechnung gestellt wird.
Überhaupt ist bei einem ausschließlich indirekt, das heißt über einen Partnerkanal, vertriebenen und implementierten Produkt wie Dynamics AX das Produkt nur die halbe Miete. Die Qualität des gewählten Partners hat einen entscheidenden Einfluss auf den Einführungserfolg, und so lässt sich Microsoft die Ausbildung und Weiterentwicklung der Partner im Rahmen des Microsoft Partner Network MPN auch einiges kosten. Damit einher geht eine Änderung der Zertifizierungsprogramme, so dass frühere Auszeichnungen wie „Gold Partner“ irrelevant werden. Kunden müssen verstärkt darauf achten, dass ihr Partner eine Dynamics-spezifische Qualifizierung durchlaufen und nachgewiesen hat, dass er sich die Zertifizierung in „seiner“ Branche erworben hat.
Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass Microsoft nach einigen Jahren des Dornröschenschlafs nach dem Erwerb seiner ERP-Systeme nun erwacht ist und die Produkte sukzessive zu Weltklasse-Lösungen umbaut, wobei sich AX immer mehr als das führende System, vor allem für den gehobenen Mittelstand, innerhalb der Dynamics-Familie erweist. Die Partner müssen jedoch folgen und nachziehen. Zusammen machen diese Aufwendungen Dynamics AX zu einem noch stärkeren Produkt, das nicht umsonst zweimal in Folge als führende Lösung („Leader“) in Gartners Magic Quadrant für Mittelstands-ERP-Systeme aufgeführt wurde."
Karsten Sontow
Mit dem Launch der neuen Version von Microsoft Dynamics AX werden erstmals Branchenlösungen angeboten, die eine deutliche Ausweitung des Standard-Funktionsumfangs der AX-Plattform mit sich bringen. Durch den höheren Standardisierungsgrad können Software- und Implementierungsqualität erhöht und gleichzeitig Implementierungsaufwand und –kosten reduziert werden. Microsoft begegnet damit einem bislang gravierenden Wettbewerbsnachteile, mit denen der Anbieter und vor allem seine Partner im gehobenen Mittelstand kämpfen.
Die neue Schichtenarchitektur unterstützt die oben genannte Plattformstrategie im Hinblick auf die Verwaltung lokaler Programmversionen, Branchen-Lösungen und partner- beziehungweise kundenspezifischer Ergänzungen. Im Vergleich zur früheren Architektur sollte damit eine geringere Komplexität bei mehr Flexibilität und vor allem bei deutlich verbesserter Release-Fähigkeit zu erzielen sein.
Ein wenig enttäuschend - insbesondere für deutsche Kunden – ist die Tatsache, dass offenbar einige Aspekte der notwendigen Lokalisierung zum Beispiel im Bereich Personalverwaltung, Lohn- und Gehaltsabrechnung, nicht durch den Hersteller selbst erfolgen soll, sondern weiterhin durch die Anbindung von Partner-Lösungen.
Davon abgesehen ist Microsoft mit dem neuen Release sicherlich auf dem richtigen Weg. Entscheidend wird jedoch sein, wie gut und wie schnell es Microsoft gelingt die bestehenden Partner zur Migration vorhandener Lösungen und Add-Ons auf die neue Plattform zu bewegen beziehungsweise zu befähigen diese Migration umzusetzen.
Als Interessent sollte man daher im konkreten Fall nicht nur die Kompetenzen der AX-Partner zum Beispiel in Form von Referenzen zu überprüfen. Vielmehr sollte gerade in den kommenden ein bis zwei Jahren auch geprüft werden, was bereits auf der neuen Plattform verfügbar ist beziehungsweise wie im Auftragsfall Migrationen bewährter Lösungsbausteine mit akzeptablem Risiko durchgeführt werden können.
Frank Naujoks
„Microsoft positioniert AX für den gehobenen Mittelstand und Großunternehmen. Hinzu kommen Tochter- beziehungsweise Landesgesellschaften, die eine Alternative zu beispielsweise SAP im Hauptquartier suchen. Durch die 36 Landesversionen ist AX für den Einsatz im weltweiten Unternehmen geeignet.
Microsoft geht mit dem neuen AX 2012 nun einen guten Schritt vorwärts. Durch die ausgebaute Branchenfunktionalität, die stärkere Integration in den Microsoft Technology-Stack, Unterstützung von zentralem Systemmanagement und die vereinfachte Erstellung und Administration der global verteilten Unternehmenseinheiten verringert sich auf Seiten des Anwenders der Betriebsaufwand beträchtlich.
Der Softwarekonzern hat insbesondere Hand angelegt an die produktionsnahen Funktionalitäten und spendierte dem neuen Release beispielsweise Standortübergreifende Stücklisten, die Integration der Absatzplanung, Intercompany-Planung und ein integriertes Lean-Manufacturing.
Durch den Kauf von Branchenexpertise, zum Beispiel LS Retail, gewinnt Dynamics AX in den Bereichen produzierendes Gewerbe und Handel deutlich an Funktionalität und die Partner können sich noch intensiver auf die selbstentwickelten Branchenausprägungen konzentrieren.
Die an Outlook erinnernde Benutzerführung passt in das gewohnte Microsoft-Arbeitsumgebungsumfeld und stellt den Anwender vor keine großen Herausforderungen. Sehr eng arbeitet Dynamics AX auch mit den Office 2010 Produkten zusammen. Controller, die mit Daten aus Microsoft Dynamics AX 2012 arbeiten, profitieren beispielsweise von der Interoperabilität mit Microsoft Excel und PowerPivot, da ihnen in ihren gewohnten Werkzeugen die benötigten Daten aus der Unternehmenssoftware zur Verfügung stehen. Microsoft liefert zudem im Standard 11 SQL Analytics Server Cubes und mehr als 800 Berichte, die über SQL Server Reporting Services bereitgestellt werden.
Die Workflow-Automatisierung basiert auf der .NET Workflow Foundation und führt Benutzeraufgaben in einem zentralen Aufgabenbereich zusammen, einschließlich aller Aufgaben, die einer Einzelperson, ihrer Rolle oder einer spezifischen funktionalen Eingabewarteschlange zugewiesen worden sind.
Auf der rollenbasierten Oberfläche von Microsoft Dynamics AX 2012 werden Aufgaben und Eingabewarteschlagen kombiniert, um den Anwendern die Priorisierung anstehender Tätigkeiten zu erleichtern. So soll eine durchgängig prozessorientierte Arbeitsweise sichergestellt werden.
Microsoft hat zunehmend SAP im Visier und positioniert sich als Alternative zum Marktführer. Neben der rein funktionalen Betrachtung kann Microsoft AX mit der Integration in den Microsoft Technology-Stack und insbesondere Office punkten. Je größer und internationaler die Kunden allerdings werden, umso eher wird auch ein Engagement des Anbieters verlangt, um die Qualität des Implementierungsprojektes abzusichern. Hier hat Microsoft aufgrund des Partnervertriebs noch Nachholbedarf.
IT-Enscheider sollten auch ein besonderes Augenmerk auf die Ausbildungsqualität und Projekterfahrung der Partner legen. Nur ein branchen- und projekterfahrener Implementierungspartner, der über Referenzen seine Kompetenz nachweisen kann, hebt das volle Potenzial der Software.“
Frank Niemann
"Nachdem Microsoft vor einiger Zeit den Ausbau der integrierten Branchenfunktionen in Angriff genommen hatte, hat das Release 2012 von Dynamics AX die Systemarchitektur im Fokus. Dies betrifft unter anderem die Flexibilität und Entwicklung sowie die Integration mit anderen Microsoft-Produkten.
Ein Beispiel für die Integration von Microsoft-Produkten sind die Funktionen für Business Intelligence (BI). Durch eine bessere Einbindung der SQL Server Reporting Services sowie der Analysis Services stehen weitere BI-Funktionen innerhalb der ERP-Software bereit. Dadurch können Entwickler auf effizientere Tools beispielsweise zum Erstellen und Anpassen von Reporting- und Analyse-Funktionen zurückgreifen.
Für Microsoft naheliegend ist die Integration von Office. Hier sind im Speziellen Excel 2010 sowie PowerPivot zu nennen. Weitere Microsoft-Lösungen, wie Sharepoint (Collaboration und Enterprise Portal) und Lync (Kommunikation), werden enger mit dem System verbunden. Darüber hinaus stehen innerhalb von „Visual Studio“ Entwicklungsfunktionen zur Verfügung. In dieser Richtung hilfreich ist auch die Interoperabilität von X++ (Entwicklungssprache von Dynamics AX) und beispielsweise C#.
Mit den so genannten Unified Natural Models adressiert Microsoft die Themen Flexibilität und leichtere Anpassbarkeit von Geschäftsprozessen. Über einen grafischen Designer kann ein Systemspezialist ohne zusätzlichen Programmieraufwand Workflows definieren sowie die Organisationsstruktur eines Unternehmens per Modell abbilden.
Unified Natural Models unterstützen insbesondere Installationen, bei denen mehrere Standorte, legale Einheiten sowie Berichtswege und unterschiedliche vertikale ERP-Funktionsbereiche (etwa Produktion und Handel) abzubilden sind. Verbunden mit der mehrschichtigen Systemarchitektur – Microsoft spricht hier von der Model-driven Layered Architecture – lassen sich kundenspezifische Anpassungen und Entwicklungen von Partnern von den Standardfunktionen der ERP-Software trennen. Die verbesserte Architektur sollte somit auch Microsoft-Partnern Vorteile bieten.
Die Unified Natural Models erleichtern zum einen die ERP-Einführung an sich, zum anderen bieten sie die Chance, den Aufwand für Anpassungen zu reduzieren, wenn sich die Organisationsstruktur innerhalb der Firmengruppe und/oder die Anforderungen an branchenspezifische Funktionen ändern. Solche modellgestützten Verfahren sind nicht neu, doch verfügen noch bei weitem nicht alle ERP-Systeme über entsprechende Features.
Auch wenn sich mit den vorgestellten Ergänzungen der Anpassungsaufwand bei richtiger Anwendung verringern lässt, wird man auch in Zukunft nicht gänzlich auf Programmierung verzichten können. Zudem müssen sich Kunden und Partner auch erst mit den neuen Konzepten vertraut machen, bevor sie die Vorteile des aktuellen Release voll ausschöpfen zu können.
Laut Microsoft gestattet das Release 2012 auch den Betrieb der ERP-Lösung in der Microsoft-Cloud. Diese Option hat jedoch bei weitem nicht die Tragweite der geschilderten Neuerungen, zumal die ERP-Software bislang nicht in dem Maße für den Cloud-Betrieb umgebaut wurde, wie etwa das Schwesterprodukt Dynamics CRM.
Fazit: Microsoft versieht Dynamics AX mit wichtigen Erweiterungen der Systemarchitektur, die für leichtere und vor allem kostengünstigere Anpassbarkeit und effizientere Systemverwaltung sorgen können.
Die Erweiterungen in Richtung Business Intelligence sind auch dem Trend geschuldet, dass bereits andere ERP-Hersteller in diesem Umfeld aktiv sind. Hier sind weitere Entwicklungen zu erwarten, insbesondere bei den Optionen, aus den Resultaten der Datenanalyse die Optimierung von Geschäftsprozessen abzuleiten.
Letztlich hängt der Erfolg des neuen Microsoft-Release jedoch vor allem, davon ab, wie gut es den Microsoft-Partnern gelingt, von den Neuerungen zu profitieren." hei
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