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IT-Strategie
IDS Scheer hat sich mit dem Prozess Design beschäftigt, die Software AG spricht von Business Process Excellence. Wo liegt der Unterschied?
Business Process Excellence betrachtet den kompletten Lebenszyklus eines Geschäftsprozesses. Er beginnt bei Strategie und Design und reicht von der Implementierung über das Ausführen bis hin zum Monitoring und endet bei der ständigen Optimierung. So entsteht ein ständiger Regelkreis.
Wie ergänzen sich dabei die Produkte von IDS Scheer und der Software AG?
Sie arbeiten sehr gut zusammen. IDS Scheer deckt mit ARIS die Bereiche Strategie, Design und Implementierung ab. Webmethods umfasst Implementierung, Composition und das Ausführen der Geschäftsprozesse. Für die Performance-Messung in Echtzeit dient Webmethods Optimize. Der IDS Scheer Performance Manager ermöglicht eine mittelfristige Betrachtung. ARIS Mashzone fungiert als Dashboard und visualisiert die Ergebnisse. Künftig werden wir all diese Elemente zu einer einheitlichen Process-Intelligence-Plattform zusammenführen.
Was davon ist heute schon möglich?
Sie können Prozessmodelle in ARIS erstellen und dann direkt in Webmethods ausführen. Das ist allerdings erst der Anfang. Bis zum ersten oder zweiten Quartal 2011 werden wir die Integration weiter ausbauen und eine Lösung auf den Markt bringen, welche den kompletten Regelkreis abdeckt.
Fachabteilungen und IT-Spezialisten sprechen unterschiedliche Sprachen. Wie lässt sich dieser Graben überbrücken?
Die Business-Process-Excellence-Plattform spricht beide Welten an und baut eine Brücke zwischen ihnen. Die Business Analysten erstellen ihre Abläufe mit ARIS. Die IT-Spezialisten laden dieses Modell in Webmethods und wissen dann genau, was sie zu tun haben, um die gestellten Anforderungen technisch zu erfüllen. Das Monitoring und die Performance-Messung passieren dann wieder auf der Business-Seite.
Braucht es nicht trotzdem einen Dolmetscher, der sich in beiden Welten auskennt?
Unbedingt. Unsere Process-Intelligence-Plattform legt die technische Basis, aber sie kann keine Wunder vollbringen. Nötig sind darüber hinaus Fachleute, die sowohl vom Business als auch von der IT Ahnung haben. Diese Rolle wird beispielsweise als Process Owner bezeichnet, als Process Expert, Business Analyst oder Chief Process Officer. Unabhängig von der Bezeichnung muss die Position inhaltlich richtig definiert werden: es geht um einen Brückenschlag zwischen Business und IT.
Sollte sich diese Position eher aus der Fachabteilung oder aus der IT heraus entwickeln?
Theoretisch ist beides machbar. In der Praxis gehe ich davon aus, dass sich eher IT-Manager zusätzliche Business-Kenntnisse aneignen werden als umgekehrt. Ich habe schon Manager gesehen, die in der Software-Entwicklung begonnen haben und dann erfolgreich in den Vertrieb oder das Business Consulting gewechselt sind. Umgekehrt habe ich das noch nicht so häufig beobachtet.
Der Regelkreis vom Design über die Ausführung, das Messen und die Optimierung von Geschäftsabläufen war bereits 2003 das Ziel einer Partnerschaft zwischen IDS Scheer und SAP. Was ist daraus geworden?
Die damalige Konzeption hatte in der Tat das gleiche Ziel, was jetzt IDS Scheer und die Software AG verfolgen. Positiv gelaufen ist die Integration von ARIS mit dem SAP Solution Manager. Auch mit der Netweaver-Plattform wurde ARIS integriert. Diese Koppelung setzen Unternehmen erfolgreich ein. Allerdings hat sich SAP Netweaver als unabhängige Middleware-Plattform nicht ganz so entwickelt wie geplant. Sie erzielt ihre beste Leistung nach wie vor bei der Integration von SAP-Modulen. Webmethods wurde im Unterschied zum SAP-Produkt von Anfang an als neutrale und damit applikationsunabhängige Middleware entwickelt, die völlig unabhängig von den zu verbindenden Transaktionssystemen funktioniert. Das merkt man dem System an.
Was macht ein SAP-Kunde, der SAP ERP auf Basis von Netweaver hat und sich für den Regelkreis der ständigen Prozessoptimierung interessiert? Muss er SAP Netweaver durch Webmethods ersetzen?
Das kommt ganz auf seine IT-Landschaft an. Ein Tausch der Middleware könnte sinnvoll sein, wenn die SAP-Landschaft eher klein ist und beispielsweise ausschließlich SAP Financials sowie SAP Controlling umfasst und die übrigen Prozesse mit kundenspezifischen beziehungsweise mit Legacy-Systemen abgedeckt werden. Weniger Sinn hätte ein solcher Wechsel, wenn das Unternehmen eine starke und homogene SAP-Landschaft betreibt und neben SAP ERP auch SAP CRM sowie SAP SCM einsetzt. Dann würde man eher sämtliche SAP-Prozesse mit Netweaver integrieren und die Non-SAP-Prozesse sowie die übergreifenden Abläufe, die sowohl SAP- als auch Non-SAP-Module umfassen, mit Webmethods steuern. Größere Unternehmen mit heterogenen Systemlandschaften werden mittelfristig nicht daran vorbeikommen, mehrere Middleware-Stacks zu implementieren.
Wie läuft denn die ständige Prozessoptimierung bei On-Demand-Systemen, die sich ja deutlich weniger an individuelle Bedürfnisse anpassen lassen als eine Inhouse-Implementierung?
Die flexible Prozesssteuerung ist meiner Meinung nach eine der größten Schwächen des derzeitigen On-Demand-Konzepts. Beim Cloud Computing nutzen im Rahmen von Multitenancy mehrere Unternehmen das gleiche System. Damit das möglich wird, müssen die Möglichkeiten der individuellen Konfiguration und Anpassung sinken. Es ergibt sich nun folgender Spagat: Entweder verzichtet ein Kunde auf Individualität, dann kann er die Preisvorteile der Cloud-Systeme nutzen. Oder aber für ihn sind Flexibilität und kontinuierliche Prozessoptimierung wichtig, dann kann er sein System momentan nicht aus der Cloud beziehen. Dies gilt insbesondere für komplexere Business-Anwendungen.
Kunden von Salesforce.com scheinen mit dem Cloud-Betrieb keine Probleme zu haben.
Salesforce.com ist ja auch kein komplexes betriebswirtschaftliches System, sondern im wesentlichen eine Pipeline-Verwaltung für den Vertrieb. So etwas lässt sich leicht standardisieren. Sobald es aber um Kernprozesse eines Unternehmens geht, beispielsweise um Finanzmanagement oder Lieferkettensteuerung, müssen sich die Unternehmen fragen, wie viel Individualität und Flexibilität sie aufgeben wollen und können. Sehr leicht könnte es nämlich passieren, dass sie bei einem Cloud-System zwar Betriebs- und Lizenzkosten sparen, sie aber auf der anderen Seite sehr hohe Kosten erzeugen, weil sie ihre Prozesse nicht schnell genug an veränderte Marktanforderungen anpassen können. Diese Rechnung muss jedes Unternehmen für sich selbst aufstellen. Nicht zuletzt richten sich die derzeitigen Cloud-Angebote eher an den Mittelstand, in der Hoffung, dass dieser weniger individuelle Anpassungen braucht.
Der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann hat die Vision formuliert, dass Unternehmen Systemteile mit Kernprozessen im eigenen Haus betreiben und Standardprozesse in der Cloud. Wäre das ein Ausweg?
Theoretisch schon. So etwas funktioniert aber nur dann, wenn man klar sagen kann, dass ein Prozess heute und auch in fünf Jahren noch im Standard läuft. Geschäftsabläufe ändern sich aber ständig, und niemand kann vorhersagen, wann eine Anpassung nötig wird.
Plant IDS Scheer selbst Cloud-Angebote?
Wir denken darüber nach, dass wir Teile unseres ARIS-Systems auch in der Cloud anbieten. Möglich wäre beispielsweise eine Variante von ARIS Designer für die Prozessmodellierung. Erste Prototypen laufen schon. Wir müssen dabei aber erst noch erarbeiten, wie viel Flexibilität wir den Kunden anbieten können und wie wir auf der anderen Seite durch Standardisierung die nötigen Skaleneffekte erzielen. Je tiefer und spezieller allerdings eine Applikation arbeitet, desto weniger taugt sie für die Cloud. Absolut ungeeignet dafür wäre beispielsweise ein Enterprise Service Bus, der die unterschiedlichsten Module integriert. Hier ist mehr Flexibilität und Individualität nötig, als sie das On-Demand-Konzept abbilden kann. jf