Fertigungslösungen brauchen tiefe Branchenfunktionalität

Ausgabe 05/2012

Fertigungslösungen brauchen tiefe Branchenfunktionalität

Branchenpartner satteln ihre Speziallösungen auf die flexiblen Basisplattformen der ERP-Hersteller auf. Hochindividuelle Abläufe in der Fertigung setzen der Standardisierung allerdings Grenzen.

VIELE PRODUZIERENDE Unternehmen setzen unternehmensweite Standardsoftware (ERP) bereits in der dritten Generation ein, um ihre Auftragsabwicklung zu unterstützen. Der ERP-Anwendermarkt verfügt also über eine gewisse Reife und Erfahrung. Das heißt aber nicht, dass Betrieb und Weiterentwicklung eines ERP-Systems für die Unternehmen keine Herausforderung mehr darstellen.
Die Fertigungsabläufe und Logistikprozesse – und damit auch die Anwendungsszenarien von ERP-Systemen – in produzierenden Unternehmen sind ausgesprochen vielfältig und individuell. Dem Versuch, einen ERP-Standard zu schaffen, der allen Anforderungen gerecht wird, sind deshalb Grenzen gesetzt. Eine Folge davon sind die hohen Customizing-Aufwände, die durch den Einsatz spezieller Branchenlösungen zwar reduziert, aber nicht ganz vermieden werden können. Daneben tragen auch die sich ändernden Absatzmärkte zur Komplexität der ERP-Unterstützung bei: Die zunehmende Dynamik verlangt Unternehmen immer mehr Effizienz und Flexibilität ab. Organisation und Prozesse müssen häufiger überprüft und angepasst werden und stellen neue Anforderungen an die IT-seitige Unterstützung.
Die ERP-Anbieter reagieren auf diese Anforderungen mit kürzeren Entwicklungszyklen sowohl bei den Kern-Applikationen als auch bei Add-ons und Zusatzmodulen. Gleichzeitig nutzen sie die Flexibilität der modernen ERP-Plattformen, um neue Nutzungsformen und Bereitstellungskonzepte zu entwickeln.

Horizontale und Vertikale Integration steigen

Die durchgängige Unterstützung und Koordination der Unternehmensprozesse, horizontal entlang der Wertschöpfungskette sowie vertikal über die unternehmensinternen Ebenen, ist immer noch das von Anwendern mit Abstand meistgenannte Ziel bei der Einführung einer neuen ERP-Software. Um eine möglichst umfassende Lösung aus einer Hand anzubieten, erweitern die ERP-Hersteller ihre Software um Funktionalität zur Unterstützung der gesamten Wertschöpfungskette. Unter dem Stichwort horizontale Integration betrifft dies unter anderem den Vertrieb (Integration von Customer Relationship Management/CRM), die überbetriebliche Auftragsabwicklung (Supply Chain Management/SCM) und zunehmend auch die Entwicklung (Product Lifecycle Management/PLM). Zusätzlich haben ERP-Anbieter in den vergangenen Jahren ihre Systeme verstärkt um vertikale Funktionen erweitert. Neben den klassischen Funktionen in der Produktionsplanung bieten viele Lösungen eine funktionale Unterstützung der operativen Ebenen der Produktion und Logistik. Im Vergleich zu spezialisierten MES-Lösungen (Manufacturing Execution System) fällt diese Unterstützung allerdings meist  noch recht einfach aus, beispielsweise eine Visualisierung in Plantafeln. Insbesondere in den Bereichen Erfassung und Verarbeitung von Maschinendaten (MDE), Betriebsdatenerfassung (BDE) und Qualitätsdaten (QMS), aber auch hinsichtlich anspruchsvollen Planungslogiken, etwa Advanced Planning and Scheduling/APS, weisen die meisten ERP-PPS-Systeme deutliche Lücken auf. Während eine Reihe von ERP-Herstellern derzeit ihre Planungslogiken verfeinert, scheinen sich im Bereich Datenerfassung beziehungsweise -rückmeldung dauerhaft Spezialanwendungen zu halten.
Der zunehmende Funktionalitätsumfang einzelner Lösungen kann sich auch als Nachteil herausstellen: Mit steigender funktionaler Leistungsfähigkeit einer Lösung geht nicht selten auch eine zunehmende Komplexität einher, welche zu Mehrkosten und -aufwänden in der Einführung, dem Betrieb und der Modernisierung führen kann. Das Angebot von Branchen-Templates für ERP-Lösungen – häufig von spezialisierten Vertriebspartnern größerer Softwarehersteller entwi­ckelt – zeugt vom Bemühen der Anbieter, umfassende branchenspezifische Funktionalität zu integrieren ohne die Komplexität der Applikationen noch weiter zu steigern.
Vielleicht auch aufgrund der beschriebenen Schwächen der vollintegrierten Lösungen deutet sich derzeit mit der Rückkehr zum Best-of-Breed-Ansatz ein Gegentrend an. Mit der Entwicklung flexibler Plattformen wie MS Azure, MS Sharepoint, SAP NetWeaver, Oracle Fusion oder Infor ION, welche neue Möglichkeiten zur Gestaltung von einheitlichen Datenmodellen und Schnittstellen bieten, scheint das Konzept der Software nach dem Lego-Prinzip wieder attraktiv zu werden. Demnach liefern die Anbieter dieser Plattformen die Basistechnologie, auf die Spezialanbieter ihre in der Praxis bewährten Lösungen nach definierten Standards und Spielregeln aufsatteln. Es ist davon auszugehen, dass die Vermarktung sowie die Koordination der Partner zentral durch den Plattformhersteller erfolgen. Die Auswahlmöglichkeit des Anwenders ist dann nach der Grundsatzentscheidung für eine Plattform zwar oft breiter als heute, die Vertragsgestaltung sowie die Abrechnungsmodalitäten könnten sich allerdings als recht komplex erweisen.

Benutzeroberflächen bilden die Rollen der Anwender ab

Direkt bei den Endanwendern setzt der Trend der rollenbasierten Graphical User Interfaces (GUIs) an. Rollenbasierte GUIs liefern anwenderspezifisch bedarfsgerechte Informationen, um Mitarbeiter durch den Dschungel der Funktionen und Daten komplexer ERP-Systeme zu führen. Die Benutzeroberfläche präsentiert nur die für den Mitarbeiter relevanten Informationen und Funktionen. Der Aufwand für die Suche sinkt auf ein Minimum und steigert so die Effizienz im Tagesgeschäft. Ein solches Konzept steht und fällt allerdings mit den Möglichkeiten, die unterschiedlichen Rollen der Mitarbeiter in der notwendigen Detaillierung abzubilden, ohne gleichzeitig die Komplexität für die Administratoren ins Unermessliche zu steigern.

Mobilgeräte unterstützen die Fertigungsplanung

Auto-ID-Technologien wie beispielsweise RFID (Radio Frequency Identification) sind in vielen Branchen bereits angekommen. Ihr Anwendungsbereich erstreckt sich von der Erfassung bis hin zur Identifizierung von Produkten. Viele produzierende Unternehmen der kundenindividuellen Serienfertigung nutzen diese Technologie auf dem Weg zum Real Time Enterprise zur Auftragsfortschrittskontrolle sowie bei Rückrufaktionen zur Chargenrückverfolgung.
Die Fortschritte bei den Geräten fördern den Trend zu mehr Mobilität. Bei Einsätzen im Lager, in der Fertigung sowie an verschiedenen Standorten, bieten mobile Geräte zum Einlesen und Ausgeben von Daten ein großes Potenzial zur Automatisierung, Fehlervermeidung und Effizienzsteigerung. Moderne Visualisierungsmöglichkeiten von Business-Intelligence-Applikationen ermöglichen es Entscheidungsträgern, sich auch mobil über die aktuelle Situation im Unternehmen zu informieren. In der Produktion unterstützen mobile Lösungen Fertigungs-/Montageleiter dabei, effizienter und schneller eine anforderungsgerechte Planung und Steuerung von Fertigungsprozessen zu realisieren. Die hohe Akzeptanz und Verbreitung dieser Geräte im privaten Bereich sowie deren intuitive Nutzung unterstreichen das Potenzial für einen Einsatz in Fertigungs- und Logistikprozessen.

Cloud Computing taugt nur für Spezialfunktionen

Cloud-Anwendungen werden in Echtzeit als Service über das Internet bereitgestellt und nach Nutzung abgerechnet. Der wesentliche Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass der Anwender sich nicht um den Betrieb der Software kümmern muss, keine entsprechende Infrastruktur beschaffen muss und der Aufwand für Weiterentwicklung sowie Betrieb der Software auf sehr viele Schultern verteilt wird. Letzteres bietet in der Theorie erheblichen Spielraum für eine Senkung der Gesamtkosten für die Nutzung der Software-Infrastruktur sowie eine interessante Marge für den Service-Anbieter.
Cloud-Anwendungen werden bereits sehr erfolgreich für Anwendungsfelder mit hoch formalisierten oder relativ einfachen Abläufen eingesetzt. Beispiele hierfür sind HR/Entgeltabrechnung, Finanzbuchhaltung, CRM und Projektmanagement. Die umfassende Nutzung einer ERP-Lösung nach dem Cloud-Prinzip scheitert hingegen häufig an den fehlenden Möglichkeiten der unternehmensspezifischen Anpassung. Eine Ausprägung von Branchen- oder Unternehmensspezifika erlaubt in der Regel nur eine Private Cloud (1:1-Beziehung), bei der die Skalierbarkeit und damit der Kostensenkungseffekt signifikant reduziert sind. Die derzeit am Markt angebotenen hoch skalierbaren Cloud-Angebote (1:n-Beziehung) weisen in Fertigungs- und Logistik-Bereichen noch eine geringe funktionale Tiefe auf und eignen sich daher nur bedingt für den durchgängigen Einsatz in produzierenden Unternehmen. Als punktuelle Ergänzung zur Unterstützung ausgewählter Funktionen wie etwa Travelmanagement, Zollabwicklung oder zur Anbindung von Satelliten mit geringerem Ausstattungsanspruch bietet Cloud Computing aber durchaus Potenziale zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung.

Die Autoren:
Karsten Sontow ist Vorstand bei der Trovarit AG. Stefan Kompa leitet das Competence Center Prozesse und IT am Forschungsinstitut für
Rationalisierung der RWTH Aachen.