
Sie sind hier:
Startseite
Enterprise Resource Planning (ERP)

Klein, aber fein
ist gefragt: „Mittelständische Anwender von Unternehmenssoftware arbeiten am liebsten mit einem schlanken und wenig komplexen IT-System", erklärt Gartner-Analyst Christian Hestermann. „Da liegt der Gedanke nahe, dass sie für Business-Intelligence-Funktionen auf die Module der Standardsoftwerker zugreifen. Diese Lösungen sparen meist Aufwand und Kosten bei der Integration." Die Standardsoftwerker (ERP) haben auf diesen Trend reagiert und sich großflächig Know-how und Produkte in Sachen Business Intelligence (BI) zugekauft: SAP hat 2007 den Spezialhersteller Business Objects übernommen, während Oracle Hyperion schluckte. Infor hatte sich bereits 2003 Systems Union einverleibt, zu der auch der Darmstädter Datenanalysespezialist MIS AG gehört.
„Infor bietet eine umfassende Business-Intelligence-Lösung an, die gegenüber den Spezialherstellern funktional nicht zurücksteht", erläutert Wolfgang Martin, Analyst aus dem Wolfgang Martin Team. Hestermann hingegen schätzt Infors Analyseportfolio weniger stark ein: „Der Hersteller hat in Sachen Business Intelligence eine sehr heterogene Landschaft, weil viele seiner ERP-Lösungen über Reporting- und Analyse-Funktionalitäten verfügen. Das ursprüngliche Vorhaben, die Applikationen von MIS und die Performance-Management-Lösung PM10 als gemeinsames BI-Dach zu etablieren, ist ins Stocken gekommen. Ob und wann sich diese Lösungen breit im Infor-Portfolio durchsetzen, ist nicht klar abzusehen."
Auch mittelstandsorientierte Standardsoftwerker wie Lawson, IFS und Sage machen in Sachen BI eigene Angebote. Microsoft verteilt die Business-Intelligence-Funktionen über mehrere Produkte: MS Excel, MS SQL Server als Datenbank mit Reporting-Services und MS Sharepoint Server als Datendrehscheibe für Kollaboration und Volltextsuche. „Die Microsoft-Lösungen sind über das Office-Paket sehr stark in den Fachabteilungen verbreitet", berichtet Martin. Sie nutzen Excel als Frontend und sind eng mit Powerpoint integriert. So lassen sich nicht nur Analysen, sondern auch Präsentationen erstellen." Der MS SQL Server hat laut Martin schon immer analytische Services, einen OLAP-Cube-Builder und Data-Mining-Funktionen, allerdings habe Microsoft diese in der Vergangenheit nicht aggressiv vermarktet.
Inzwischen würden die BI-Funktionen allerdings in den Vordergrund gestellt, und Systemhäuser wie die Business Intelligence Group und pmOne realisieren damit ihre Analyse-Pakete. „Die Microsoft-Applikationen eignen sich ideal, wenn Systemhäuser oder die Anwender selbst eine individuelle BI-Applikation erstellen wollen", erklärt Martin. „Wenn ein Unternehmen hingegen out of the box arbeiten möchte, dann greift es eher zu einem Spezialhersteller wie Arcplan, Board Cubeware, Microstrategy oder Qliktech. Dort bekommt man vorkonfigurierte Applikationen, die sich mit einem geringen Aufwand an die eigenen Bedürfnisse anpassen lassen."
Microsoft-Applikationen eignen sich laut Martin auch sehr gut zur Erweiterung mittelständischer IT-Sys-teme, die ihre Business-Intelligence-Funktionen bisher ausschließlich aus MS Excel beziehen. „Das Hauptproblem von Excel ist die mangelnde Datenkonsistenz. Jedes Excel-Sheet ist wie eine kleine Datenbank. Ohne ein übergreifendes Datenmanagement bekommen Unternehmen Probleme, ihre Informationen zusammenzuführen. Der SQL-Server kann dieses Problem über eine zentrale Datenhaltung lösen."
Auch ERP-Platzhirsch SAP, der sein Business-Intelligence-Angebot mit den von Business-Objects übernommenen Lösungen kräftig ausgebaut hat, vertreibt eine Einsteigerlösung: „Crystal Reports hat gerade bei kleineren Unternehmen eine große Verbreitung und wird von den Anwendern sehr geliebt", berichtet Martin.
Crystal Reports ist ein Werkzeug zur Erstellung von Standardberichten. Dazu werden Informationen aus Datenbanken abgerufen und anschließend die Ergebnisse in Tabellen und Grafiken dargestellt. Exportfunktionen zu MS Excel, MS Word und Adobe PDF sind vorhanden. Das SAP Business Objects Starter Paket kombiniert Analysefunktionen von Crystal Reports, Xcelsius und Web Intelligence.
Branchenriese Big Blue hat für Mittelstandsanwender das vorkonfigurierte Paket Cognos Express im Angebot, das Funktionen für Planung, Analyse und Reporting umfasst. Laut IBM stützt sich das Tool auf eine In-Memory-OLAP-Engine zur Datenhaltung und bietet neben dem Cognos-eigenen User-Interface auch ein Frontend für MS Excel. „IBM bemüht sich ähnlich wie Microsoft darum, den Bestandskunden Wachstumspfade in die Business-Intelligence-Welt zu legen", erläutert Martin. „Das Einsteigerpaket verbindet über Lotus Notes kollaborative Elemente mit Content Management. Oracle und SAP tun sich im Vergleich dazu bei der Verwaltung unstrukturierter Inhalte deutlich schwerer."
Generell bieten also die in den ERP-Paketen integrierten oder als OEM-Lösungen angebotenen Business-Intelligence-Lösungen gerade für den Mittelstand interessante Alternativen. IDC-Analyst Rüdiger Spies rät, die Entscheidung für oder gegen eines dieser Pakete von der Homogenität des bestehenden ERP-Systems abhängig zu machen: „Sofern die überwiegende Anzahl der Geschäftsprozesse in einem Unternehmen mit einem einheitlichen ERP-System abgebildet wird, empfiehlt es sich, die damit integrierten Business-Intelligence-Module zu nehmen." Die enge Einbindung in die Standardsoftware sorge dafür, dass die Anwender in jedem Prozessschritt Analysefunktionen bekommen. Bei externen Business-Intelligence-Sys-temen falle eine solche Einbindung wesentlich schwerer, da dort meist Replikations-Datenbanken zum Einsatz kommen, die eine Zeitverzögerung mit sich bringen. Weniger gut passen die BI-Module der ERP-Hersteller laut Spies dann, wenn ein Unternehmen sehr heterogene IT-Applikationen betreibt und darüber eine übergreifende Analyse fahren will: „Dann punkten Spezialhersteller wie Arcplan oder Microstrategy aufgrund ihrer tiefgreifenden Integrationsfunktionen."
Schon bald nach dem erfolgreichen Einstieg in die Business-Intelligence-Welt stehen in vielen Unternehmen die ersten Erweiterungen der Analyse-Systeme an. Analyst Martin führt das insbesondere auf die steigenden Compliance-Anforderungen zurück: „Früher oder später verweigert der Wirtschaftsprüfer sein Testat für die Bilanz. Dann sind die Unternehmen gezwungen, sich eine umfassendere BI-Lösung anzuschaffen." Dieser Trend sei den Herstellern nicht unbekannt: „Die ERP-Anbieter wollen sich dieses Geschäft nicht entgehen lassen und erweitern ihr BI-Angebot, damit ihre Kunden nicht zu den Spezialherstellern abwandern.
Mit weiteren Übernahmen von Spezialherstellern durch die ERP-Anbieter rechnet Martin allerdings nicht: „Die großen Deals sind gelaufen, und inzwischen ist kaum noch ein unabhängiger Spezialanbieter zu verkaufen." IDC-Analyst Spies verweist darauf, dass die Übernahme eines Business-Intelligence-Spezialisten für einen Standardsoftwerker nicht immer die beste Lösung darstellt: „Ebenso heterogen wie die Kundschaft der mittelstandsorientierten ERP-Hersteller sind auch deren Analyseanforderungen. Eine solche Spannbreite lässt sich über OEM-Partnerschaften schneller und flexibler abbilden als mit dem Zukauf von Unternehmen." Außerdem spreche oftmals die später mögliche Konkurrenzsituation gegen eine Unternehmensübernahme: „Wenn ein Standardsoftwerker mittels zugekaufter Technik ein eigenes Business-Intelligence-Angebot aufbaut, fallen ihm Partnerschaften mit BI-Spezialanbietern an anderer Stelle sehr schwer." jf