Open Source Business Intelligence (OSBI) in der Praxis

Open Source Business Intelligence ist für Anwender noch unbekanntes Terrain, das unwirtlich erscheint.

Experten sehen große Chancen trotz First-Mover-Risiko

„Open Source Business Intelligence is here to stay“, urteilte der IT-Analyst Gartner bereits im April 2008. Die rasante Produkt- und Marktentwicklung rund um OSBI macht das Thema jetzt für viele Unternehmen interessant.

Die Hoffnung

der IT-Entscheider, geeignete Software für das Unternehmen günstig und vielleicht sogar kostenlos zu bekommen, macht Software für Business Intelligence, die mit einer Open-Source-Lizenz vertrieben wird, zu einem viel beachteten Thema.

Die Redaktion des is report fragte Prof. Dr. Peter Gluchowski, der für die BARC Software-Evaluation „Open Source Business Intelligence" acht quelloffene Werkzeuge für Reporting, OLAP und Data Mining untersucht hat, warum es für Unternehmen sinnvoll sei, sich das Open-Source-Angebot anzuschauen. Da sich in der derzeitigen Finanzkrise zahlreiche Unternehmen bei Investitionen zurückhalten und verstärkt auf Potenziale für mögliche Kosteneinsparungen achten, stünden vermehrt auch die eingesetzten Softwareprodukte für Business Intelligence auf dem Prüfstand, berichtet Prof. Gluchowski. Wenn es darum gehe, vorhandene Systeme zu erweitern oder gar abzulösen und dabei neue Softwarewerkzeuge einzusetzen, treten Kosten-Nutzen-Betrachtungen in den Vordergrund: „Schließlich erweisen sich die Lizenzkosten der eingesetzten Business-Intelligence-Softwareprodukte oftmals als nicht zu unterschätzende Größe bei der Berechnung der Gesamtkosten eines Business-Intelligence-Projektes. Insofern erscheint der Einsatz kostenlos zu beziehender, quelloffener Systeme als reizvolle Alternative."

Der Experte

Prof. Dr. Peter Gluchowski leitet den Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Systementwicklung und Anwendungssysteme, an der Technischen Universität in Chemnitz und konzentriert sich dort mit seinen Forschungsaktivitäten auf das Themengebiet Business Intelligence. Er beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Fragestellungen, die den praktischen Aufbau dispositiver bzw. analytischer Systeme zur Entscheidungsunterstützung betreffen. Seine Erfahrungen aus unterschiedlichsten Praxisprojekten sind in zahlreichen Veröffentlichungen zu diesem Themenkreis dokumentiert.

Der Experte

Dr. Stefan Keller ist Seniorberater im Center of Competence Business Intelligence von Capgemini sd&m. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Migration und Neukonzeption von Business-Intelligence-Systemen. Dabei spielt die Unterstützung der Kunden bei der Auswahl der passenden Business-Intelligence-Produkte eine zentrale Rolle.

Erfahrungen ohne Fixkosten

Die Berücksichtigung von Open-Source-Software für Business Intelligence bei einer Auswahlentscheidung eröffne Unternehmen, die vor der Implementierung oder Migration einer Business-Intelligence-Lösung stehen, neue Handlungsalternativen, meint Dr. Stefan Keller, Seniorberater im Competence Center Business Intelligence bei Capgemini sd&m. „Dabei sind nicht unbedingt Total Cost of Ownership der entscheidende Treiber. Wichtiger ist, dass sich die Investitionen auf der Zeitachse anders verteilen als bei einer kommerziellen Lösung. Denn bei Open-Source-Software gibt es keinen großen initialen Kostenblock für die Lizenzierung. Daher ist es möglich, mit relativ geringen Fixkosten Erfahrungen zu sammeln", berichtet der Seniorberater.

Auf die Frage, was denn der Unterschied für die Anwender beim Einsatz von Open-Source-Business-Intelligence(OSBI)-Tools im Vergleich zum Einsatz kommerzieller Tools sei, meint Prof. Gluchowski: „Kommerzielle Business-Intelligence-Systeme der großen Anbieter weisen heute eine sehr umfangreiche Funktionalität auf, die sowohl für die Endanwender als auch für die Administratoren kaum Wünsche offen lässt. Schließlich sind die Werkzeuge über Jahre oder teilweise gar Jahrzehnte gewachsen und haben diverse Evolutionsstufen durchlaufen. Dies jedoch hat bei den meisten Produkten auch zu einer erheblichen Komplexität geführt, die zumindest im Rahmen einer unternehmensindividuellen Anpassung häufig nur durch ausgewiesene Spezialisten zu beherrschen ist und hohe Kosten mit sich bringt."

Im Gegensatz dazu böten OSBI-Tools zwar noch nicht die volle Funktionalität großer kommerzieller Produkte, decken aber die wesentlichen Kernfunktionen verlässlich ab, so der Lehrstuhlinhaber an der Technischen Universität in Chemnitz. „Wenn davon ausgegangen wird, dass nicht jeder Anwender im Unternehmen die umfangreiche Funktionalität kommerzieller Business-Intelligence-Werkzeuge auch nutzt oder benötigt, können die schlankeren OSBI-Tools vollkommen ausreichen, um die Anforderungen zumindest eines Großteils der Endbenutzer abzudecken", sagt Prof. Gluchowski.

Software von Entwicklern für Entwickler überrascht positiv

Etwas kritischer sieht der Business-Intelligence-Berater Keller von Capgemini sd&m die Anwenderfreundlichkeit von OSBI: „Open-Source-Software ist – genetisch gesehen – Software von Entwicklern für Entwickler, auch wenn in vielen Fällen große Unternehmen Code und Ressourcen zu Open-Source-Initiativen beisteuern. Das bedeutet: Zum effektiven Einsatz dieser Komponenten ist ein solides Verständnis der heute üblichen Software-Entwicklung – namentlich Enterprise Java – mitzubringen." Keller glaubt, dass nur die wenigsten Java-Entwickler tiefergehende Erfahrung mit Business Intelligence hätten und umgekehrt der Umgang mit Java-Applikationen für viele Business-Intelligence-Experten unbekanntes Terrain sei: „Ein Projekt, das Business Intelligence mit Open-Source-Komponenten implementieren will, muss deshalb dafür sorgen, dass Skills aus diesen beiden Welten zusammenkommen."

Prof. Gluchowski hat für die BARC Software-Evaluation „Open Source Business Intelligence" acht Tools „Hands-on" getestet. Auf die Frage, ob seine Erwartungen – geschürt etwa durch Aussagen der Distributoren – erfüllt wurden, antwortet er: „Durch umfangreiche Marketingaktivitäten sind Open-Source-Lösungen heute sehr gut am Markt sichtbar. Dies war vor zwei Jahren, als wir begonnen haben, uns mit dem Thema intensiv zu beschäftigen, noch nicht der Fall. Vor der Evaluation gehegte Befürchtungen, zum Beispiel hinsichtlich Stabilität und Installierbarkeit, haben sich nicht bewahrheitet. Vielmehr sind wir in den meisten Fällen von der recht weit entwickelten Funktionalität der untersuchten Produkte positiv überrascht worden."

Mit Dokumentation die Community unterstützen

Auf die Nachfrage, ob OSBI-Tools nur etwas für „Tüftler" und „Bastler" in den IT-Abteilungen und den Fachabteilungen seien, meint der Lehrstuhlinhaber: „Der Reifegrad von Open-Source-Business-Intelligence-Tools ist inzwischen als durchaus hoch einzustufen. Die Tools erweisen sich als stabil und funktional ausgereift. Die Vorstellung, dass für einen erfolgreichen Einsatz der Werkzeuge ein Eingriff in den Quellcode erfolgen muss, ist nicht mehr zeitgemäß." Prof. Gluchowski empfiehlt die sorgfältige Prüfung eines unternehmensweiten Einsatzes von OSBI-Werkzeugen, denn im Vergleich zu großen kommerziellen Lösungen fehlt es ihnen noch an Administrationsfunktionalität. „Anwendungsbereiche ergeben sich demgegenüber für kleinere Unternehmen oder im Fachbereich, zumal OSBI-Tools durch ihren schlankeren Aufbau sogar teilweise leichter einsetzbar und nutzbar sind." Schließlich sei es zu begrüßen, dass für die verbreiteten OSBI-Lösungen auch abgestufte Support- und Wartungsverträge zur Verfügung stehen.

Auch Dr. Stefan Keller zeichnet ein differenziertes Bild aus seiner Beratererfahrung: „Bei allen relevanten OSBI-Produkten steckt nach heutigem Stand das Expertenwissen in den Köpfen weniger Entwickler. Auch wenn diese gerne im Rahmen der Community unterstützen und spezialisierte Unternehmen entsprechende Supportleistungen anbieten, so sollte man sich doch bewusst machen, dass man sich mit dem Einsatz eines Open-Source-Produkts auf einen im Marktvergleich kleinen Anbieter einlässt." Zwar beruhe die oft sehr effektive Zusammenarbeit mit den Entwicklern innerhalb der Communities auf Gegenseitigkeit und Kooperation, aber Unternehmen, die bisher die Zusammenarbeit mit Anbietern gewohnt sind, an die man auch Ansprüche stellen kann, müssten sich an diese Rahmenbedingungen oft erst noch anpassen.

Der Seniorberater von Capgemini sd&m verweist auf eine nicht selten veraltete oder lückenhafte technische Dokumentation der Open-Source-Komponenten, die aber gerade für Neueinsteiger wichtig sei: Denn die Schlüsselentwickler befassen sich sinnvollerweise primär mit der Pflege der Software.

Dieser Mangel bietet aber auch eine Chance für Unternehmen, die sich ernsthaft mit dem Einsatz von OSBI-Tools befassen: „Sie können Kooperationswillen beweisen und sich so in der Community etablieren – die Mitarbeit an der Dokumentation ist eine gern gesehene und wichtige Community-Leistung, die aus einem Umsetzungsprojekt heraus mit relativ geringem Aufwand unterstützt werden kann."

Optimistischer Blick in die Glaskugel

Die beiden Experten sehen die Zukunft von OSBI optimistisch. Prof. Gluchowski weist darauf hin, dass hinter den OSBI-Tools heute System- und Softwarehäuser stehen, welche die Produkte federführend weiterentwickeln. „Wenn es diesen Unternehmen langfristig gelingt, mit den zugehörigen Geschäftsmodellen, die weitgehend auf Support- und produktbezogenen Consultingleistungen beruhen, am Markt erfolgreich zu sein, dürfte sich die Funktionalität der Open-Source-Lösungen an die Produkte etablierter Anbieter weiter annähern. Allerdings schreiben die meisten dieser Häuser heute noch rote Zahlen und finanzieren die Entwicklung durch Gelder von Risikokapitalgebern."

Auf die Glaskugelfrage nach dem Marktanteil von OSBI-Tools in fünf Jahren meint der Business-Intelligence-Berater Keller, dass diese sich in fünf Jahren für bestimmte, spezialisierte Aufgaben als regelmäßig gewählte Lösungsalternative etabliert haben werden. Dies erwartet er insbesondere bei der Integration von Business-Intelligence-Funktionen in Individuallösungen für spezialisierte Anforderungen und die Erstellung leichtgewichtiger Systeme für kurzfristige Aufgaben, wie die Datenmigrationen. In diesen Fällen könne OSBI die Nähe zur (Java-)Erfahrungswelt der meisten heute ausgebildeten Entwickler als Stärke voll ausspielen.

Der Seniorberater von Capgemini sd&m sieht aber auch Beschränkungen im Marktzugang: „Auf Enterprise-Ebene ist es dagegen unwahrscheinlich, dass sich OSBI als Strategie durchsetzen wird. Dem steht zum einen der Preisverfall für die Standardkomponenten von kommerziellen Business-Intelligence-Systemen und andererseits das nicht unerhebliche First-Mover-Risiko beim Einsatz einer kompletten OSBI-Plattform entgegen." dk