Die Autoren

Prof. Dr. Ralf Härting ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien an der Hochschule Aalen und leitet das Competence Center für betriebliche Steuerungs-und Informationssysteme im Mittelstand.

Markus Steinecker ist Absolvent der Hochschule Aalen.

Ergebnisse einer fokussierten Anwenderbefragung

Große Potenziale für Business Intelligence im Mittelstand

Jenseits aller Anbieterwünsche und Analystenmeinungen gibt eine Experten-Befragung der Hochschule Aalen Aufschluss über den tatsächlichen Bedarf von Anwendungen für Business Intelligence in mittelständischen Unternehmen.

Die zunehmende

Komplexität der Märkte führt zu neuen Herausforderungen für Planungs-, Steuerungs- und Entscheidungsprozesse in Unternehmen. Neue Entwicklungen in der Informationstechnik, aber auch neue Ansätze der Betriebswirtschaftlehre helfen dem Management, diesen Herausforderungen zu begegnen. In diesem Zusammenhang hat sich in den letzten zehn Jahren der Begriff „Business Intelligence“ etabliert. Bei fast allen Anbietern von betrieblichen Steuerungs- und Entscheidungssystemen findet sich dieser Begriff in der Bezeichnung ihrer Produkte bzw. ihrer Teilprodukte wieder. In der Theorie wird der Begriff „Business Intelligence“ häufig als organisationsspezifisches Konzept interpretiert. So definiert Kemper Business Intelligence wie folgt:  „Unter Business Intelligence wird ein integrierter, unternehmensspezifischer, IT-basierter Gesamtansatz zur betrieblichen Entscheidungsunterstützung verstanden.“ [1]
In dieser Definition kommen mehrere Aspekte zum Ausdruck, die sich nach drei Ebenen differenzieren lassen (vgl. Abbildung 1).

• Geeignete Vorsysteme, die zur Abwicklung von Geschäftsprozessen dienen, sind Grundlage für Business-Intelligence-Anwendungen.
• Business Intelligence stellt auf einer Datenebene Lösungen für strukturierte und unstrukturierte Daten zur Verfügung.
• Business Intelligence soll die Entscheider auf einer Logik- und Präsentationsebene optimal mit den richtigen Informationen versorgen.

Bedarf durch Nachfrage nach Teilkomponenten erfasst
Business-Intelligence-Anwendungen sind bis heute sehr stark auf Großunternehmen ausgerichtet, da besonders dieses Segment bereit war, die erheblichen Investitionen zu tragen. Typische Anwendungsbeispiele für den Bereich Beschaffung sind etwa Bonusanalysen, Lieferantenanalysen oder Materialrationalisierung. Im Bereich Marketing/Vertrieb eignet sich der Einsatz von Business Intelligence unter anderem für die  Regalbestückung in Supermärkten, die Standortplanung für Handelsketten oder Zielgruppenanalysen.
Mittlerweile werden verstärkt entsprechende Lösungen für den Mittelstand angeboten, da auch diese Gruppe sich mit einer zunehmenden Komplexität ihrer Planungs-, Steuerungs- und Entscheidungsprozesse auseinandersetzen muss. [2] Das zeigt auch eine Umfrage vom Sommer 2007, in der 23 Unternehmen aus Ostwürttemberg befragt wurden. Davon wurden bei sechs Unternehmen Telefoninterviews und bei 17 Unternehmen ausführliche Experteninterviews geführt. Die Gespräche wurden mit Geschäftsführern und Bereichsleitern von Unternehmen mit einer Größe von 100 bis 499 Mitarbeitern geführt. Die Unternehmen kamen aus den Branchen Elektro- und Metallindustrie, Maschinenbau sowie aus dem Handels- und Dienstleistungssektor. Der Befragung lag das bereits genannte sehr breite Verständnis von Business Intelligence zugrunde. Die zentrale These der Interviews lautete deshalb wie folgt: „Der zukünftige Bedarf nach Anwendungen für Business Intelligence lässt sich nicht in seiner Gesamtheit erfassen, sondern nur über die Nachfrage nach Teilkomponenten von Business Intelligence.“
Ausgehend von dieser These wurde im Rahmen der Experteninterviews zunächst der Bedarf nach einzelnen Komponenten des Business Intelligence abgefragt (vgl. dazu Abbildung 1).
Innerhalb der Datenschicht waren dies die Nachfrage nach einem Data Warehouse und nach einem System für Dokumentenmanagement oder Enterprise Content Management. Innerhalb der Logik- und Präsentationsschicht wurde der Bedarf nach Planungssystemen, Berichtssystemen, OLAP-Systemen und modellgestützten Systemen analysiert. Die Ergebnisse im Überblick zeigt Abbildung 2.

Ein Data Warehouse für schnellere Zugriffsmöglichkeiten
76 Prozent aller befragten Unternehmen sehen einen Bedarf an einem Data Warehouse, um letztlich schneller auf die verschiedenen Datenquellen zugreifen zu können. So beklagen viele Unternehmen, dass derzeit die Daten uneinheitlich vorliegen und damit nur unzureichend für Analysen zur Verfügung stehen. Ein noch höherer Bedarf wird nach Systemen für Dokumentenmanagement und Enterprise Content Management geäußert. Hier wollen 82 Prozent aller befragten Unternehmen solche Systeme zur Speicherung von unstrukturierten Daten implementieren.

Planungssysteme statt Office-Anwendungen
Mit 53 Prozent wollen mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen Planungssysteme einführen. Die Befragten verlangen eine bessere Übersichtlichkeit und Skalierbarkeit der vorliegenden Daten sowie eine automatische Datenintegration. So wollen viele Unternehmen die herkömmlichen Tabellenkalkulationsprogramme vor allem im Controlling und im Rechnungswesen durch Planungssysteme ersetzen, um die Zeiteinsparungsvorteile zu nutzen. Ähnliches gilt für die Berichtssysteme.

 

Online Analytical Processing für verschiedene Sichten
Systeme für Online Analytical Processing (OLAP) wollen 70 Prozent der befragten Unternehmen einführen, da auch hier klare Vorteile gegenüber den verwendeten Tabellenkalkulationsprogrammen bestehen. So lassen sich Sichtänderungen auf vorhandene Daten bequem und unkompliziert vornehmen. Das macht diese Systeme für den Mittelstand attraktiv.
41 Prozent der untersuchten Mittelständler nutzen OLAP-Anwendungen. Sie werden dabei grundsätzlich vom oberen Management und, sofern vorhanden, vom mittleren Management eingesetzt. Verbreitung finden diese Systeme besonders in den Bereichen Absatz/Vertrieb und Controlling. Als Hauptgrund für deren Einsatz wird die hohe Zeitersparnis bei den anstehenden Analysen genannt.
Modellgestützte Systeme insbesondere für Data Mining wollen zukünftig 59 Prozent der Unternehmen  implementieren. Data Mining verwendet moderne Verfahren der Assoziation, automatische Klassenbildung, Klassifikation, neuronale Netze, Regressionsanalysen, Abweichungsanalysen, Wirkungsprognosen und andere. Beim Einsatz von Data Mining liegen die mittelständischen Banken in Führung. Ein Großteil der Unternehmen dieses Sektors setzt schon heute auf Data Mining.

Berichtssysteme reduzieren Zeitaufwand
Von den herkömmlichen Office-Anwendungen auf ein Berichtssystem wollen 59 Prozent der befragten Unternehmen umstellen. Als Hauptvorteil wird auch hier die Zeitersparnis durch die automatische Erstellung von Berichten hervorgehoben. Manuell erstellt werden Berichte nur noch bei Ad-hoc-Anforderungen.
Berichtssysteme lassen sich aber schon bei fast zwei Drittel der Unternehmen vorfinden. Auch hier ist das obere und das mittlere Management immer involviert. Insbesondere die Bereiche Absatz/Vertrieb, Controlling und Finanz- und Rechnungswesen nutzen Berichtssysteme. Hauptvorteil sind Berichtsgeneratoren, mit denen die Berichte nur einmal definiert werden müssen und anschließend in periodischen oder aperiodischen Zeitabständen selbständig generiert werden können. Die Manager können sich daher in der eingesparten Zeit anderen Aufgaben widmen.

Mittelstand will Business Intelligence unternehmensweit
Mittelständische Unternehmen setzen zunehmend auf Business Intelligence. Die verwendeten Analyse-Tools sind aber oft noch nicht unternehmensweit implementiert. Dabei fallen zwei Faktoren besonders auf:

Zum einen werden die Analyse-Anwendungen meistens im oberen und mittleren Management implementiert. Das untere Management hingegen wird noch oft vernachlässigt. Dort begnügen sich derzeit noch die Leitungsebenen mit der vorhandenen Standardsoftware wie Microsoft Excel. Die möglichen Zeiteinsparungspotenziale bei Analysen sind deshalb gerade dort noch sehr groß.

• Zum anderen werden die Analyse-Tools vorrangig in den Bereichen Absatz/Vertrieb, Rechnungswesen und Controlling eingesetzt. An andere Bereiche wurde bisher eher weniger gedacht. Somit bestehen noch große Potenziale in allen nicht genannten Unternehmensbereichen. Hervorzuheben sind hier insbesondere Logistik, Produktion, Lagerhaltung und der Personalbereich.

• Ein großer Teil der befragten Unternehmen möchte es beim bisherigen partiellen Einsatz von Business Intelligence nicht belassen und strebt eine unternehmensweite Anwendung von Business Intelligence an.

Notwendigkeit von Business Intelligence anerkannt
Die Notwendigkeit eines Einsatzes von Business-Intelligence-Anwendungen wird von fast allen untersuchten Unternehmen geteilt. Einige befragte Unternehmen, insbesondere aus dem Bankensektor, sehen in den Business-Intelligence-Anwendungen einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz. Business Intelligence richtig eingesetzt führt zu Zeiteinsparung und besseren Informationen für anstehende Entscheidungen, etwa bei der Standortplanung, der Regalbestückung oder der Lieferantenanalyse. Der Mittelstand in Ostwürttemberg erkennt die zukünftige Notwendigkeit solcher Anwendungen und nutzt sie zum großen Teil bereits.

Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Vgl. Kemper, Hans-Georg; Mehanna, Walid; Unger, Carsten: Business Intelligence. Grundlagen und praktische Anwendungen. Eine Einführung in die IT-basierte Managementunterstützung. 2. Auflage, Verlag Vieweg: Wiesbaden 2006, S. 8.  Vergleichbare Definitionen finden sich bei Oehler, Karsten: Corporate Performance Management mit Business Intelligence Werkzeugen. Carl Hanser Verlag: München 2006, S. 33, und Schrödl, Holger: Mit Microsoft SQL Server 2005. Carl Hanser Verlag: 2006, 12. 

[2] Vgl. Friedrich, Dirk: Einfach soll es sein – bei hoher Datenqualität. in: is report, S. 28-29, Heft 4/2007, S. 28.