Vorkonfigurierte SAP-Systeme reduzieren das Customizing auf ein Minimum

Vorkonfigurierte SAP-Systeme reduzieren das Customizing auf ein Minimum

SAP-Partner verwandeln eher generische Systeme in einen exakt passenden Maßanzug. Somit schrumpft der Anpassungsbedarf – sofern Schlüsselanwender die angebotenen Standards akzeptieren.

Das Anpassen

von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware (ERP) an die individuellen Bedürfnisse eines Unternehmens ist aufwändig und teuer und kann schnell die Rentabilität des Systems verzögern. Vordefinierte Branchenlösungen weisen einen Ausweg aus dieser Kostenfalle, wie Karsten Sontow, Vorstand und Geschäftsführer des Aachener IT-Analysten- und Beratungshauses Trovarit, berichtet: „Wie Auswertungen unserer Ausschreibungsplattform IT-Matchmaker zeigen, decken Branchenlösungen regelmäßig über 90 Prozent der von den Unternehmen geforderten Funktionalität bereits im Standard ab. Die Anbieter haben darin ein hohes Maß an Organisations- und Geschäftskompetenz umgesetzt, so dass die Implementierung deutlich schneller und kostengünstiger läuft, als das bei einer generischen SAP-Lösung der Fall wäre.“

Anpassungen erfordern eine Kosten-Nutzen-Abschätzung

Während aufgrund verbesserter Software der Bedarf an tiefgreifendem Customizing sinkt, lernen gleichzeitig die Anwender dazu. „Viele Unternehmen haben schmerzhaft erfahren, dass ein stark angepasstes System nicht nur die Implementierungskosten in die Höhe treibt, sondern auch bei einem späteren Release-Wechsel der Aufwand immens steigt“, berichtet Sontow. „Während der Standard dann vom Hersteller im Rahmen der Wartungsgebühren eingepflegt wird, erfordern individuelle Anpassungen stets eine händische Nacharbeit.“ Insgesamt würden heute die meisten Unternehmen die Tatsache akzeptieren, dass bei System-anpassungen stets Aufwand und Nutzen kaufmännisch gegeneinander abwägt werden sollten.

Die Kostenbetrachtung könne allerdings nicht alle Anwender davon überzeugen, ihre betriebswirtschaftlichen Applikationen möglichst nahe am Standard des Herstellers zu betreiben: „Unternehmen passen ihre Lösungen manchmal deshalb an die bei ihnen üblichen Geschäftsprozesse an, weil ihnen eine jahrelange Praxis den Blick dafür verstellt, dass sich Abläufe auch effizienter abbilden lassen“, berichtet Sontow. Wo ein derartiges Customizing üblich sei, hätten sich Key User beispielsweise aus der Finanzabteilung oder der Produktion in mühevoller Kleinarbeit individuelle Geschäftsabläufe ausgetüftelt, die sie auch im neu einzuführenden System mit Zähnen und Klauen verteidigen. Aus Angst, das Gesamtprojekt zu gefährden, würde es manch ein Geschäftsführer nicht wagen, diesen wichtigen Anwendern auf die Füße zu treten.
Völlig unabhängig von den Vorlieben der Key User könne ein weiterer Faktor in Richtung Cus­tomizing wirken: Unternehmen bedienten sich bei einer ERP-Implementierung typischerweise der Hilfe von Consultern. Diese stünden schnell in der Versuchung, allein wegen des dann erhöhten Auftragsvolumens den Unternehmen möglichst viele Änderungen zu empfehlen. „Dass sie dies auch tun, ist eine absolut plausible Vermutung, die sich im Einzelfall jedoch schwer beweisen lässt“, führt der Trovarit-Geschäftsführer aus. Zudem agiere mach ein Dienstleis­ter eher als Programmierer denn als Business Consulter. „Diese Berater kennen sich zwar sehr gut in der Technologie der Applikationen aus, aber ihnen fehlt oft die fachliche Kompetenz der Prozessberatung“, kritisiert Sontow. „Genau dieses Wissen wäre aber nötig, um eine Abweichung vom Herstellerstandard als Business Case zu hinterfragen.“

Ein ERP-Kompetenzzentrum reduziert den Beratungsbedarf

Die wenigsten Unternehmen könnten laut Sontow die Arbeit eines Consulters kritisch einschätzen. Letzteres sei allerdings sinnvoll: „Bei vielen erfolgreichen Implementierungen, die ich kenne, haben die Unternehmen ein eigenes ERP-Kompetenzzentrum eingerichtet. Sie haben beispielsweise während der Implementierung SAP-Kenntnisse erworben und diese dann im Alltagsbetrieb und beim Systemausbau weiter genutzt.“ Allerdings rechne sich ein eigenes SAP-Kompetenzzentrum nur bei einer Vollauslastung der Inhouse-Spezialisten. Der Erwerb und die Aufrechterhaltung der Technologie-Skills verursache einen  beträchtlichen Aufwand und eigne sich daher am ehesten für Unternehmen im gehobenen Mittelstand.
Die folgende Übersicht stellt fünf Branchenlösungen von Partnern aus der SAP-Community vor. Die Themen reichen von der Zulieferbranche über die Konsumgüterindustrie, die PKW-Branche, Kunststoffverarbeiter bis hin zur Prozessindustrie.

All for Automotive zielt auf die Zulieferbranche

Eine Lösung für mittelständische Automobilzulieferer auf Basis von SAP Business All in One hat der Stuttgarter IT-Dienstleister All for One im Angebot. Die größte Herausforderung in dieser Branche stellen individuell zugeschnittene Logistikprozesse dar: Die Zulieferindustrie muss punktgenau – Just in Time sowie Just in Sequence – fertigen, montieren und liefern. All for Automotive unterstützt Geschäftsabläufe wie Lieferplanabwicklung per EDI (Electronic Data Interchange), Versionsverwaltung, Packmitteldisposition, Spezialitäten bei Disposition und Sachmerkmalsleisten, das Ersatzteilgeschäft mit integriertem Qualitätsmanagement, RFID-Verfolgung über alle Logistikprozesse hinweg, die Bestandsführung durch den Lieferanten (Vendor Managed Inventory) sowie Hochregallager. Globale Lieferpläne werden ebenso abgebildet wie Liefer- und Feinabruf, Fortschrittszahlen und Korrekturlieferungen. Neben der Logistik steuert die Branchenlösung die komplette Produktentwicklung mittels CAD (Computer Aided Design) sowie das Product Lifecycle Management. Weitere Spezialitäten sind herstellerspezifische Anpassungen und Erweiterungen wie beispielsweise Global Transport Label sowie spezielle Etiketten für Individual-, Master- und Mixed-Load-Behälter für Zulieferer des Pkw-Herstellers General Motors.
All for Automotive wurde erstmals 1998 vorgestellt und bis heute stetig weiterentwickelt und bei der SAP re-zertifiziert. „Im Vergleich zu klassischen SAP-Einführungen sinken mit All for Automotive die Implementierungszeiten um 30 bis 70 Prozent“, berichtet Richard Lorenz, Beratungsleiter Automotive bei der All for One Midmarket AG. Zielbranche ist die mittelständische Zulieferindustrie. Neben der Automobilindustrie bedient All for One auch Subbranchen wie Elektroindustrie, Metallverarbeitung, Kunststoffverarbeitung, Gießereien und Umformer mit vordefinierten Branchenlösungen namens All for Electric, All for Metal, All for Plastics, All for Foundry.

it.consumer bündelt die Prozesse der Konsumgüterindustrie

Eine Branchenlösung für die Konsumgüterindustrie auf Basis von SAP Business All in One hat der Bielefelder IT-Komplettdienstleis­ter Itelligence entwickelt. In der Anwendung it.consumer sind erfolgsrelevante Geschäftsprozesse voreingestellt, beispielsweise der Verkauf an Handelsunternehmen, das Handling von Retouren, die Leergut- und Palettenabwicklung, die Frachtkostenabrechnung mit Speditionen oder das Qualitätsmanagement in der Produktion. Mit Hilfe von langjährigem Prozess-Knowhow in der Konsumgüterindustrie wurden Best Practices in Funktionen gegossen. So bindet die Lösung beispielsweise Barcode-Scanner an und bildet die Frischeabwicklung sowie die Abrechnung mit Brokern ab.
Zu den weiteren Bestandteilen der Lösung gehören Logistikmanagement (Supply Chain Management/SCM), Kundenverwaltung (Customer Relationship Management/CRM), Product Lifecycle Management (PLM) sowie Business Intelligence (BI) mit branchenspezifischen Planungs- und Auswertungsprozessen. Darüber hinaus unterstützt it.consumer die bereichs- und unternehmensübergreifende Prozessintegration. Mitarbeiter kommunizieren aufgabenbezogen innerhalb des Unternehmens. Niederlassungen und Tochterunternehmen sind dabei genauso eingebunden wie der Außendienst, Zulieferer und Kunden. Somit ist laut Itelligence jederzeit ein aktueller Informationsstand aller Mitarbeiter und Geschäftspartner gewährleistet.
Das Leistungspaket des SAP-Partners umfasst derzeit 16 Branchenlösungen unter anderem für Handel, Großhandel, die Metall-, Holz- und Papierindustrie, Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Bauwirtschaft, Maschinenbau, Hightech- und Elektronikindus­trie, Gummi- und Kunststofferzeugnisse sowie Chemie und Life Sciences. Einführung und Support sind im Angebot ebenso enthalten wie der Betrieb in einem der weltweit sechs Itelligence-eigenen Hosting-Zentren.

Steeb Fix Automobilzulieferer fokussiert auf die Kfz-Branche

Eine Branchenlösung auf Basis von SAP Business All-in-One, welche die Schlüsselprozesse für Automobilzulieferer vordefiniert abbildet, bietet Steeb mit Steeb Fix Automobilzulieferer. Die Software unterstützt Zulieferer von der Beschaffung über die Produktion bis hin zum Versand und ermöglicht den Verantwortlichen mittels anpassbarer Berichte eine strukturierte Sicht auf alle Geschäftsprozesse, Kosten, Erlöse, Ressourcen und Kunden.
Steeb Fix Automobilzulieferer begleitet Produkte in ihrem gesamten Lebenszyklus und beschleunigt Entwicklungsprozesse. Die Kosten lassen sich einzelnen Aufträgen zuordnen; Aufwand und Termine von Projekten werden überwacht und Änderungen dokumentiert. Die Branchenlösung unterstützt darüber hinaus eine plan- und verbrauchsgesteuerte Disposition, nutzt verbreitete Konzepte und Losgrößen für die Produktionsplanung und deckt sowohl Einzel- als auch Lagerfertigungsstrategien ab. Dabei erfüllt sie die komplexen Anforderungen an Transport und Logistik von Konzepten wie Just in Sequence, Just in Time sowie Vendor Managed Inventory und erzeugt Warenbegleitpapiere gemäß den Standards des Verbands der Automobilindustrie. Die Erfahrung aus rund 100 Projekten bei Zulieferern ermöglicht es dem SAP-Partner Steeb, die Branchenlösung für Automobilzulieferer in durchschnittlich zehn Wochen zum Festpreis einzuführen.
Auf der Kundenliste stehen Unternehmen wie Röchling Automotive, Coroplast, GRIWE, KAMAX und Murrplastik Systemtechnik GmbH. Murrplastik, ein Fertiger von Hightech-Kunststoffen, entschied sich für  Steeb Fix Automobilzulieferer, um den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Geschäftsbereichen zu verbessern. Seit der Einführung arbeiten Konstruktion, Produktion und Vertrieb mit einer weltweit einheitlichen Datenbasis. Die Variantenabwicklung konfigurieren Sachbearbeiter. Das entlastet die Ingenieure, die ihr Knowhow jetzt verstärkt in die Kundenberatung einbringen. „50 Prozent Umsatzwachstum in fünf Jahren hätten wir ohne diese Branchenlösung nicht erzielen können“, beschreibt Fred Clappers, Leiter IT und Organisation bei Murrplastik die Erfolge seit der Einführung.

Sycor.Plastics zielt auf Kunststoffverarbeiter

Für Kunststoffverarbeiter ist die auf SAP All in One basierende Branchenlösung Sycor.Plastics des Göttinger SAP-Systemhauses Sycor vorkonfiguriert. Die Applikation unterstützt die komplexen Fertigungsprozesse der Kunststoffproduktion. Sie bildet Kundeneinzelfertigung nach Variantenkonfiguration sowie Lagerfertigung ab und enthält Funktionen für die Planung und Steuerung der Produktion. Qualitätsmanagementprozesse sind über die gesamte Logistikkette sowie Chargenabwicklung möglich.
Das integrierte Sycor.ProductionCockpit mit seiner individualisierbaren Benutzeroberfläche ist dabei das zentrale Werkzeug, um die Forderungen nach geringen Durchlaufzeiten, Termineinhaltung sowie Optimierung der Kapazitätsauslastung, der Rüstkos­ten und der Bestandssituation zu erfüllen. Es bietet unter anderem merkmalsabhängige Reihenfolge- und Kampagnenplanung unter Berücksichtigung von Farbreihenfolgen und Abmessungen. Bei der Erstellung des Produktionsplans werden vorhandenes Material, Liefertermine, verfügbare Arbeitskräfte und Maschinen-Kapazitäten sowie über die integrierte Werkzeugverwaltung die Engpassressource Spezial-Werkzeuge mit einbezogen. Planung und Auswertung unterstützen Chargen- sowie Serialnummern. Zusätzlich liefert das Sycor.ProductionCockpit einen direkten Zugriff auf Kundenaufträge, die aktuelle Bedarfs- und Bestandssituation sowie über die integrierte Fertigungssteuerung auf den Status laufender Produktionen. So sollen Mitarbeiter bei Bedarf umdisponieren können. Das Sycor.OrderCockpit bildet die Vertriebsprozesse ab. Es ermöglicht ohne Maskenwechsel das Anlegen von Angeboten, Aufträgen und die Faktura. Eine Ampelfunktion zeigt zudem den Lieferstatus aller Aufträge.
Sycor positioniert sich weltweit als Partner der mittelständischen Fertigungsindustrie und bietet neben Sycor.Plastics die Branchenlösungen Sycor.Automotive, Sycor.Medical, Sycor.Surface sowie Sycor.Metal an.

myTDS.Process bündelt vier Branchen der Prozessindustrie

Eine integrierte betriebswirtschaftliche Standardsoftware, welche die komplexen Abläufe bei der chargen- und rezeptorientierten Prozessfertigung abbildet, hat TDS unter dem Namen myTDS.Process im Programm. Die Branchenlösung auf Basis von SAP ERP stellt eine effiziente Organisation, optimale Bedarfsanpassung und einen transparenten Überblick über die gesamte Prozesskette sicher. myTDS.Process vereint die Funktionalität der Lösungen myTDS.Chemie, myTDS.Pharma, myTDS.Cosmetics und myTDS.Coatings und bietet Unternehmen der Prozessindustrie ohne Mehrkosten das Prozesswissen aus allen vier Branchen.
Die vorkonfigurierte Suite deckt alle Schritte von der Qualitätsprüfung im Wareneingang über die Herstellung, Konfektionierung und Lagerlogistik bis hin zur Deklaration der Inhaltsstoffe sowie dem Chargenverwendungsnachweis ab. Dank des modularen Aufbaus von MyTDS.Process entscheiden die Anwender selbst, welche Komponenten sie in ihr System übernehmen wollen. Mit branchenspezifischen Add-ons lässt sich der Individualisierungsgrad weiter erhöhen: Komponenten wie beispielsweise die Rezepturentwicklung unterstützen das Laborpersonal über ein Entwickler-Cockpit bei der Verwaltung von Rezepturen. Die Auftrags- und Produktionsplanung erlaubt eine punktgenaue Planung und Terminierung von Arbeitsgängen. Mit dem Etiketten-Cockpit steht Unternehmen außerdem eine Komponente zum Ausdruck von Gefahrstoff- und Produktetiketten in beliebigen Formaten zur Verfügung.
myTDS.Process verfügt über eine große Anzahl von Schnittstellen, beispielsweise zu Wiege- oder Manufacturing-Execution-Systemen (MES) sowie zu Lösungen für die gesetzeskonforme Abwicklung des Außenhandels SAP-GTS (Global Trade Services).
Die maßgeschneiderte und vorkonfigurierte Bereitstellung der Software überzeugte auch Peter Plueck, IT-Verantwortlicher bei ISL-Chemie: „Das System bildet genau diejenigen Prozesse ab, die für unsere Branche typisch sind. Unser Implementierungspartner hat es so aufgesetzt, dass der Aufwand für Wartung und Pflege sehr gering ausfällt. Anpassungen der im Standard vorgesehenen Prozesse waren nur in einem vergleichsweise geringen Umfang notwendig.“ jf