Oracles Dominanz bei SAP-Datenbanken sinkt über die Jahre nur sehr langsam

Ausgabe 06/2011

Oracles Dominanz bei SAP-Datenbanken sinkt über die Jahre nur sehr langsam

Alle Datenbankhersteller verzeichnen bei SAP-Anwendern Zuwächse. Oracles Vormacht können sie jedoch laut einer Studie von Raad Research bislang nicht gefährden.

Oracle

stellt bei 67 Prozent der SAP-Kunden die Datenbank für die SAP-Systeme. Damit scheint der US-Hersteller diesen Markt fest im Griff zu haben. Nur etwa jeder dritte SAP-Kunde setzt in seinem produktiven System keine Oracle-Datenbank ein. Dies zeigt die aktuelle Umfrage von RAAD Research bei 1388 IT-Leitern. Seit mehr als einem Jahrzehnt dominiert Oracle bei deutschen SAP-Kunden unangefochten als Datenbanklieferant und hat dadurch erheblich vom SAP-Erfolg profitiert.
Alle relevanten Datenbankhersteller haben in den vergangenen Jahren weltweit positive Umsatzzuwächse verzeichnet, aber zu wesentlichen Marktverschiebungen bei SAP-Kunden hat dies nicht geführt. Die Umsatzzuwächse sind vor allem dem wachsenden Datenaufkommen in den Unternehmen geschuldet. Seit der Übernahme von Sybase zielen die Walldorfer darauf ab, mobile Endgeräte an SAP-Systeme anzuschließen. Hierdurch vervielfacht sich das Datenvolumen und das wiederum könnte ein weiteres Wachstum bei Datenbanken befeuern.
Auch SAP hat in der Vergangenheit von Oracles Datenbankrenommee profitiert, da sich die Kombination zweier Produkte von Weltmarktführern gut verkaufen ließ. Andererseits ist es den Walldorfern ein Dorn im Auge, wenn der ERP-Hauptwettbewerber bei zwei von drei deutschen SAP-Kunden mitverdient. SAP hat in der Vergangenheit vieles versucht, um Oracles Dominanz bei Datenbanken zu senken. Weder über Open-Source-Datenbanken noch durch strategische Partnerschaften mit IBM und Microsoft ist es den Walldorfern gelungen, Ora-cle als führendes Datenbanksystem abzulösen. Nach aktuellem Stand ist der Weg dorthin noch lang.
Seit 2006 stellt RAAD Research allerdings einen kontinuierlichen Rückgang von Oracles Datenbankanteil in der SAP-Bestandskundschaft fest. Ende 2010 wurde mit 67 Prozent der bisherige Tiefststand erreicht. Gleichzeitig verzeichnen die Walldorfer mit SAP MaxDB seit 2006 gute Zuwächse. Knapp vier Prozentpunkte konnte SAP MaxDB in dieser Zeit an Marktanteil in der SAP-Bestandskundschaft hinzugewinnen, wodurch sie aktuell auf rund elf Prozent kommt. Dies mutet wenig an im Vergleich zum Oracle-Anteil, ist aber umso erstaunlicher, als es sich bei SAP MaxDB um ein Open-Source-Produkt handelt, das im geschäftskritischen Umfeld zum Einsatz kommt. Kontinuierlich nach oben ging es auch für den MS SQL Server, den aktuell 13 Prozent der SAP-Bestandskunden einsetzen. Sowohl SAP MaxDB als auch der MS SQL Server kommen insbesondere in mittelständischen Unternehmen zum Einsatz. Beide Hersteller profitieren davon, dass SAP in den vergangenen Jahren kontinuierlich Marktanteile im Mittelstand gewonnen hat. Bei Neuimplementierungen von SAP-Systemen im deutschen Mittelstand spielt Oracle nämlich kaum eine Rolle.

Migrationsprojekte sind aufwändig und selten

Migrationen von Oracle-Datenbanken zu anderen Herstellern sind bei Bestandskunden eher selten. Datenbanken stellen meist einen Eckpfeiler in der IT dar, um den herum sich die restliche Landschaft gruppiert. Da SAP-Systeme geschäftskritische Geschäftsprozesse abbilden, gelten Aufwand und Risiko einer Datenbankmigration als hoch. Ein solcher Schritt kommt fast ausschließlich im Zuge eines größeren SAP-Release-Wechsels in Frage. Wollen Wettbewerber Oracle Kunden abtrotzen, müssen sie den Anwendern die Datenbankmigration erleichtern und zudem niedrigere Gesamtkosten (TCO) bieten.
IBM hat mit der Version 9.7 der DB2 die Kompatibilität mit Oracle-Datenbanken hergestellt, so dass nun proprietäre Oracle-Funktionen übernommen werden können. Außerdem verfügt IBM DB2 in der Version 9 über eine Komprimierungsfunktion, die erheblich Festplattenplatz einsparen kann. Dank dieser Features konnte Big Blue einige große SAP-Kunden zu einer Migration auf IBM DB2 bewegen. In der aktuellen Befragung von RAAD Research gab ein Prozent der SAP-Bestandskunden an, die aktuelle Datenbank gegen Produkte eines Wettbewerbers auszutauschen. Bei der Hälfte der Projekte handelt es sich um Migrationen von Oracle-Datenbanken hin zu IBM DB2. Die Quote lag damit zehnmal höher als bei Migrationen von IBM DB2 in Richtung Oracle. Umgerechnet auf die gesamte Bestandskundschaft ist die Quote allerdings zu gering, als dass IBM DB2 Oracle in der Installed Base groß Marktanteile abnehmen könnte. Aktuell setzen zwölf Prozent der SAP-Kunden auf IBM DB2.
Mit der In-Memory-Datenbank-Technologie treibt SAP ein Thema in den Markt, das zwar technologisch nicht neu ist, das aber die Art, wie ERP-Software künftig betrieben wird, dramatisch ändern könnte. Sollte diese Wende tatsächlich stattfinden, würde sich damit der Markt für ERP-Datenbanken deutlich ändern. Vorteile verspricht die In-Memory-Technologie nicht nur im Hinblick auf Performance und TCO. Vielmehr will SAP auf Basis dieser Datenbankarchitektur bisher nicht mögliche Business-Applikationen entwickeln. Bestenfalls würden aus Sicht der SAP traditionelle relationale Datenbanken sowohl für die transaktionalen Systeme als auch für Data Warehouses obsolet werden, weil SAP-Systeme über In-Memory-Datenbanken beide Welten bedienen könnten. SAP setzt die In-Memory-Technik bereits seit Jahren im  Business Warehouse Accelerator ein, um Abfragen zu beschleunigen. Im Modul SAP Advanced Planning and Optimization kommt In Memory seit 2006 zur Lieferkettensteuerung zum Einsatz.
Auch am Mittelstandsprodukt SAP Business ByDesign werden die Performance-Vorteile und Möglichkeiten dieser Technologie deutlich. Die ehemals viel gescholtenen langsamen Antwortzeiten der Anfangsversionen haben sich dank der In-Memory-Datenbank verbessert. Hier zeigt sich außerdem, welche Geschwindigkeiten und Möglichkeiten sich durch Hauptspeicher-Datenbanken auch im On-Demand-Bereich ergeben könnten. SAP ist jetzt in der Pflicht, den Worten auch Taten und Produkte folgen zu lassen. Nachdem Hasso Plattner auf der Hausmesse Sapphire im vergangenen Jahr demonstriert hat, wie sich traditionelle relationale Datenbanken für SAP-ERP-Systeme durch In-Memory-Datenbanken ersetzen lassen, haben die Walldorfer im Dezember 2010 mit SAP HANA und SAP Workforce Optimization Planner erste Applikationen dafür auf den Markt gebracht. Umfragen von RAAD Research zeigen, dass der Bedarf an Realtime-Informationen deutlich gewachsen ist. Das Zutrauen, dass die In-Memory-Technik hierfür Potenzial bietet, hat bei den Anwendern in den vergangenen Monaten zugenommen, wie eine Untersuchung von RAAD Research in der Schweiz zeigt. Oracle-Chef Larry Ellison hat sich abwertend gegenüber der In-Memory-Technologie geäußert. Dennoch, auch Oracle hat in Version 11g eine In-Memory-Database-Cache-Lösung hinzugefügt, um die Performance bei Analysen zu steigern.

Der Autor:  Christian Wieland, Senior Analyst bei Raad Research