Exklusiv-Interview mit Hans-Ulrich Schaller

Ausgabe 04/2011

Exklusiv-Interview: SAP HANA braucht Kooperation von IT und Business

Geschwindigkeit ist laut HP-Manager Hans-Ulrich Schaller nicht der einzige Vorteil von SAPs High Performance Analytic Appliance (HANA). Das System erfordert jedoch ein ausgefeiltes Management-Konzept.

Weil HANA alle Bewegungsdaten im Hauptspeicher ablegt, ergibt sich bei der Analyse ein enormer Geschwindigkeitszuwachs. Technologisch klingt das einfach, aber die Hürden bei der Implementierung sind hoch. Wie unterstützt HP die Anwender hier?

Wir haben uns gegenüber der SAP sehr früh als Technologiepartner positioniert und entwickeln gemeinsame Betriebskonzepte. HANA ist gerade in der Version 1.0 im Ramp-up, und da gibt es noch einige Aufgaben zu lösen. Sie betreffen beispielsweise die Optimierung der Performance und Stabilität der Systeme sowie Backup- und Failover-Konzepte. Wir stellen hierfür Test-Center bereit und entwickeln Anwendungsszenarien. Außerdem berät HP die Anwender bei der Einsatzplanung, beim Erarbeiten eines Business Case und beim IT-Management-Konzept für ein HANA-System.

Erstmals zum Einsatz kam SAPs In-Memory-Technologie beim SAP Business Warehouse Accelerator. Welche Erfahrungen haben HP-Kunden damit gemacht?

Mit dem SAP Business Warehouse Accelerator haben die Anwender große Erfolge. Der Knackpunkt in den Projekten liegt nicht alleine darin, das SAP BW mit dem Accelerator schneller arbeitet, sondern dass die Unternehmen mehr Daten erfassen und diese schneller in Reports analysieren können. Die Supermarkt-Kette COOP Schweiz hat beispielsweise das Volumen ihrer Datenbank versechsfacht und kann nun statt eines wöchentlichen Reports über ihre Lieferkette einen Bericht auf Stundenbasis erstellen. Das Unternehmen hat also das Tempo gesteigert und fährt gleichzeitig Analysen mit einem wesentlich tieferen Detaillierungsgrad.

Welche Veränderungen im Business-Intelligence-Umfeld erwarten Sie durch HANA?

HANA geht noch eine Ebene tiefer. Der SAP Business Warehouse Accelerator war vereinfacht gesagt eine Art Chip-Tuning für ein bestehendes BW-System. Die Anwender bemerkten nichts außer der schnelleren Geschwindigkeit, weil die Benutzeroberflächen gleich geblieben sind. HANA hingegen greift unabhängig von einer Applikation direkt auf die Datenbank zu und kopiert die Daten in eine hocheffiziente In-Memory-Landschaft. Das ist ein völlig neues Konzept. Die Analysewerkzeuge, um die schnell verfügbaren Daten auszuwerten, werden gerade von Grund auf neu erstellt. Ein Beispiel für eine solche Applikation ist SAP Billing for Telecommunications. Diese greift direkt auf HANA-Daten zu und arbeitet völlig unabhängig von der Applikation, mit der diese Informationen erstellt wurden. Für SAP und Partner eröffnet sich ein großes Feld, neue Anwendungen auf Basis von HANA zu schreiben.

Werden die Projekte komplexer, weil HANA tiefer ins Business-Intelli­gence-System eingreift?

Komplexer ist nicht nur die Technologie, sondern auch die betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Immerhin geht es um erhebliche Investitionen in eine Business-Intelligence-Landschaft, die bereits läuft. Diese sind für Unternehmen nur anhand eines Business Case kalkulierbar. Konkret wird es dabei um Anwendungsfälle gehen, bei denen die hohe Datenmenge und Analysegeschwindigkeit Wettbewerbsvorteile erzeugt.

Welche Herausforderungen stellt HANA an das Management des Rechenzentrums?

Die Arbeitsweise der IT-Abteilung wird sich mit HANA grundlegend ändern. Bisher konnten sich die IT-Manager darauf fokussieren, dass die Server und Applikationen funktionieren und deren Parameter optimal eingestellt sind. Mit HANA reicht das nicht mehr aus, denn ein derartiges System kann beispielsweise dann zum Stillstand kommen, wenn die Datenmenge das Volumen des Hauptspeichers übersteigt und Swapping auf die Festplatte einsetzt. Dann ist die Performance im Keller und der Geschäftsprozess stoppt.

Wie lassen sich solche Auslagerungsvorgänge verhindern?

Nur indem die Menge der Daten im System begrenzt wird. Das sicherzustellen, ist die Aufgabe der IT-Abteilung. Sie muss den gesamten Geschäftsprozess so schützen, dass er nicht durch eine unerwartet hohe technologische Last oder durch unautorisierte Anwender-Eingaben plötzlich gegen die Wand fährt. Der einzelne Anwender kann ja nicht feststellen, ob er der zehnte oder der tausendste ist, der zusätzliche Daten ins System lädt.

Wie sieht denn eine solche Prozess-absicherung konkret aus?

Die IT-Abteilung muss zusätzliche Kapazitäten dazuschalten, bevor ein Server überlastet wird. Erprobte Pooling-Verfahren dafür gibt es beispielsweise bei Online-Bestellsystemen. Bei HANA ist die Sache etwas anders gelagert, denn es lassen sich ja nicht beliebige Ressourcen koppeln. Die In-Memory-Verarbeitung wird nur von bestimmten Intel-Chips unterstützt, also müssen Server mit anderen Prozessoren für diesen Zweck außen vor bleiben. Ein Administrator kann also nicht wie bisher verschiedene Server-Typen mit unterschiedlicher Technologie und unterschiedlichen Betriebssys­temen virtuell zusammenschalten. In-Memory-Appliances sind auf eine hohe Performance getunt, und es können nur ganz bestimmte Hardware-Komponenten und Software-Releases miteinander gekoppelt werden.

Wie kann sich eine IT-Abteilung dem Thema In-Memory-Systeme nähern?

Auf der technischen Seite sollten sich IT-Spezialisten zunächst die Datenströme im Unternehmen ansehen. Die sind ja meist gut dokumentiert. Auf der Business-Seite sollten sich IT und Fachabteilung gemeinsam darüber Gedanken machen, bei welchen Geschäftsprozessen die schnelle Analyse von Massendaten den größten Vorteil bringt. Bei HANA sind die Business Cases anspruchsvoller als beim SAP Business Warehouse Accelerator, weil die Möglichkeiten umfangreicher sind. Außerdem werden die Betriebskosten zumindest am Anfang höher ausfallen, solange das Know-how in den Unternehmen fehlt.

Die vielen Detailschritte überraschen, denn SAP verkauft HANA ja als vorkonfigurierte Applikation. Müsste hier nicht der Management-Bedarf geringer ausfallen?

Nein. Eine HANA-Appliance ist nämlich kein Kühlschrank, der ohne weiteres Zutun seinen Dienst über die nächsten 15 Jahre verrichtet. Es handelt sich vielmehr um ein hoch spezialisiertes System einzelner Komponenten aus Hardware und Software. Dieses funktioniert – um im Bild zu bleiben – wie ein Kühlhaus. Es sind ständige Optimierungsschritte nötig, um die maximale Performance zu erzielen und zu behalten.

Welche konkreten Schritte schlagen Sie für den Einstieg vor?

Zunächst sollten IT-Manager und Fachabteilung das Transaktionsmodell eines Geschäftsprozesses untersuchen und überlegen, welche Analysen und Beschleunigungen die größten Wettbewerbsvorteile oder Einsparefffekte bringen. Bei der konkreten Ausgestaltung des Software-Layers kommt dann die Frage, wie sich eine bestimmte Analyse über SAP Business Objects abbilden lässt, welche Datenquellen man in HANA vereinen muss, und welche Auswertungsroutinen die Analysen in eine lesbare Form bringen. Die breite Verfügbarkeit von Unternehmensdaten über die In-Memory-Technologie dürfte dem Konzept der Service-orientierten Architektur neuen Schub verleihen.

IT-Abteilung und die Business-Analys­ten müssen also wieder einmal enger zusammenarbeiten. Gibt es hierfür bereits Organisationsmodelle?

Die entstehen gerade. Es gibt ers­te Modelle, wie eine Organisation unterhalb des CFO oder CIO aussehen müsste, welche die neuen Anforderungen abdeckt, die In-Memory-basierte Infrastruktur-Applikationspakete stellen. Typische Fragen hierbei sind beispielsweise, ob ein Applikationsexperte an einen IT-Manager berichtet und der IT-Manager wiederum an einen Controller  oder ob der IT-Manager besser an einen Business-Solution-Architekten berichtet. Die Organisationsentwickler müssen also nicht bei Null anfangen. Sie sollten aber mit Spannungen rechnen, wenn bestimmte Gruppen im Unternehmen Macht an andere abgeben sollen. jf